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Alles ins Gold!

Die Pfeile im Köcher und den Bogen in der Hand, den Unterarmschutz aus Leder geschnürt: Mit der Ausrüstung des Bogenschützen adjustiert kommt ein so besonderes Lebensgefühl wie von selbst in einem auf. Bogenschießen im Urinstinkt des Menschen? Nicht unbedingt sind es dabei waidmännische Intentionen. Urinstinkt eher in Form des simplen Wunsches, das Ziel zu treffen. Das jedes Mal, wenn der Pfeil in den Bogen, genau genommen in die von den zwei Wurfarmen gespannte Sehne gelegt wird.

Mancher Bogenschütze zielt mit beiden Augen, mancher nur mit einem Auge. Ein anderer verlässt sich eher auf sein Gefühl. Wie er auch an sein Ziel heran geht, für das Resultat will jeder dasselbe: den perfekten Schuss! So versucht man sich jedes Mal aufs Neue. „Nur dass es den perfekten Schuss leider nicht gibt“, schickt Alois Steinwender voraus. Der Sauerfelder weiß, wovon er spricht. Als Staatsmeister und Teilnehmer bei Europa- und Weltmeisterschaften ist er der erfolgreichste Turnierschütze im Reigen der Lungauer Bogenschützen, ein Verein, der sich als Sektion „Bogensport Lungau“ im USC Mauterndorf im Jahr 2009 neu gegründet hat und in dem seitdem durchschnittlich bis zu siebzig Mitglieder aus der ganzen Region aktiv sind. Während der Freiluftsaison ist der 3D-Parcours in Mauterndorf-Hammer, der leicht bergauf über Wiesen und durch den Wald führt, Schauplatz des Geschehens. An mehr als zwanzig Stationen kann sich der Bogenschütze üben. Dass es Tierfiguren sind, die ins Visier genommen werden, hat weniger mit waidmännischen Hintergründen zu tun, als dass es in dieser Sportart eher schlichtweg so üblich ist. Konzentration, Präzision und immer step-by-step Auf ihre stimmige Anlage haben die Bogenschützen zum Probeschießen eingeladen. Von Weitem ist schon die mächtige Grizzlybär-Figur zu sehen. Die Hirsch-Attrappen sind hingegen eher im Wald versteckt und der Greifvogel an der Zugseilvorrichtung lässt bereits erahnen, dass hier auf ein „Objekt in Bewegung“ angelegt werden kann. Zunächst geht es aber zur Einführung und zum Aufwärmen an die Zielscheibenwand. „Alles ins Gold!“, lautet die Devise. Gemeint ist der gelbfarbene Mittelpunkt der Scheibe. „Alles ins Blatt!“ wird es dann später bei den 3D-Objekten heißen. Dort, am Parcourseingang, wird nach den ersten Fehlversuchen selbst dem totalen Anfänger schnell klar, was Alois Steinwender mit diesem „immer wieder Streben nach dem perfekten Schuss“ meinte. Man will wirklich nur eines: Das Ziel treffen, und das mit einem möglichst präzisen Schuss! Man schaut den guten Schützen zu, wie denn sie an die Sache heran gehen. Man eifert Tugenden nach, die der geübte Bogenschütze bereits beherrscht: Mit voller Konzentration und bestmöglicher Umsetzung der technischen Anweisungen. Übung macht eben auch den Meisterschützen! Kopf gerade, Bogenarm ausgestreckt, drei Finger ziehen die Sehne bis zum Mundwinkel. „Nun lass’ den Pfeil einfach los!“, rät Alfred Kremser, der Vereinskassier. Anfangs ist es ein komisches Gefühl. Die Angst vor dem Sportgerät legt sich aber schnell, der Respekt bleibt. Die Technik ist sehr entscheidend in dieser Sportart, erklären die erfahrenen Schützen. Nicht unbedingt aber, wie man vielleicht meinen könnte, die Stärke des Bogens und damit seine Wurfkraft. Auch das Talent ist nicht ganz so wichtig, wie in manch anderen Disziplinen. Auf einmal sind sie da, der kleine Moment und das große Erfolgserlebnis. Dann, wenn der Pfeil das erste Mal tatsächlich das Ziel erreicht. Es folgen weitere Treffer – und immer wieder ist die Freude groß, die Motivation bleibt. „Beim Bogenschießen geht es immer step-by-step, ein Ziel nach dem anderen“, weist Alois Steinwender hin, „ich kann nicht in den Parcours hineingehen, und sagen: Heute schieße ich jedes Ziel mit einem Pfeil und gehe dann wieder nach Hause. Ich denke von einer Station zur nächsten.“ Das ist es dann, was die Bogenschützen mitdem Bogensport als Mittel zur Entschleunigung vom Alltagsstress meinen. „Egal, wie turbulent der Arbeitstag war: Beim Bogenschießen kannst du komplett abschalten. Es gibt währenddessen keine Gedanken etwa an Probleme oder an das, was noch zu tun ist. Man kann sagen, man taucht in eine andere Welt“, fügt Alfred Kremser hinzu. Mit Gelassenheit und Ruhe gehen die Bogenschützen an ihren Sport heran. Ruhig demnach natürlich auch am gesamten Areal. Keine lauten Anfeuerungsrufe im Parcours, weder Jubelrufe noch Verzweiflungsschreie, lediglich hier und da lockere Diskussionen und das Lachen einer Sportlergruppe, die sich an den Stationen ein Getränk „ausschießt“. „Einer für alle, alle für einen“ Das ist nämlich auch das Schöne am Bogenschießen: Es ist ein Sport für die ganze Familie. In der USC-Sektion „Bogensport Lungau“ ist auch der Anteil der Frauen hoch, und um die zwanzig Kinder unter 14 Jahren sind aktiv. „Man braucht auch nicht der topathletische Typ sein, um Bogenschießen zu betreiben. Auch ist der Sport relativ schnell erlernbar. Niemandem muss es ‚peinlich’ sein, wenn man nicht trifft. Jeder schießt mal daneben. Bei uns im Verein ist es ohnehin so, dass jeder jedem mit Rat und Tat zur Seite steht“, sagt Alfred Kremser. Wie es funktioniert, das erklären erfahrene Schützen den Anfängern mit viel Geduld. Wertschätzung und Fairness auf der Turnieranlage Seinen Bogen – es ist dies sichtlich ein modernes Wettkampfgerät, das Mittelstück aus Leichtmetall, die Wurfarme aus Carbon und austauschbar – spannt Alois Steinwender täglich nach der Arbeit. Ein hohes Trainingspensum ist auch für ihn unerlässlich. Ist das Bogenschießen in Österreich auch bei Weitem noch nicht Volkssport wie in Nationen wie Italien, so ist ein Boom auf Breitensportbasis durchaus vorhanden. Das Niveau der Turnierschützen ist bundesweit recht hoch. „Heuer bei den Staatsmeisterschaften war es so, dass jeder der Besten 16 des Finaltages am Schluss der Sieger sein hätte können“, erzählt Alois Steinwender, der auf Platz 5 gegen den späteren Österreichischen Meister ausschied. Entscheidender ist nämlich das Niveau des Wettkampfes, die Leistungsdichte aller Teilnehmer. „Der Gesamt-Score des Turnieres macht’s aus. Diesmal war es eine sehr sehr knappe Entscheidung. Aber das passt schon so.“ Überrascht war er bei seinem ersten Erfolg in einem großen Wettbewerb, als ihm, dem neuen Sieganwärter, von den Sportkollegen als geschätzter Konkurrent anerkennend auf die Schulter geklopft wurde. Kein Neid, sondern eine Willkommensgeste im Kreis der besten Schützen. „Ich war imponiert von dieser Fairness“, so der Lungauer. Je öfter der Bogen gespannt wird, desto sicherer fühlt man sich. Ist das Ziel weiter entfernt, wie zum Beispiel die Wildschweinfiguren, kann man durch deren Kill (die Vitalzone des Tieres, wonach die Treffer punktemäßig gewertet werden, vergleichbar mit den Ringen auf der Zielscheibe) plötzlich sogar schon hören, ob man getroffen hat. Oder ob der Pfeil dann doch im Dickicht verschwand. „Macht nichts, den finden wir schon wieder!“, muntern die Bogenschützen einen gleich wieder auf. Wer die Parcours-Regeln gelesen hat, weiß, dass ja nur drei Versuche pro Station vorgesehen sind. Das Reh und der Hirsch, der Hase und das kleine Monster in der „Fantasie-Ecke“, sogar das Krokodil mitten im dunklen Wald zählten an diesem Tag zu den Erfolgserlebnissen. Nicht zählte der anfangs schon erspähte zähnefletschende Bär dazu. Na gut, dann halt beim nächsten Mal… Andrea Kocher

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