Foto: Krameterhof

Der Krameterhof

Ein Artikel von Andrea Kocher

Hoch über Ramingstein, einige Kilometer „fahren auf halbe Sicht“, kaum eine ebene Fläche, aber Landwirtschaft in ihrer Reinheit, gepaart mit Kreativität – seit über sechs Jahren führt Josef Andreas Holzer junior in exponierter Lage den Bergbauernhof seines Vaters Josef, Sepp, senior. Die Landwirtschaft hat hier seit mehreren hunderten Jahren Bestand. Seit 1890 ist sie im Familienbetrieb. In Wahrheit ist dieses Anwesen, das man sich als alles andere als einen Gutshof in Tallage vorstellen darf, ein interna-tional agierendes Unternehmen. Dazu hat es der junge Krameterbauer Josef Andreas gemacht. Der Hof auf 1.100 bis 1.500 Metern Seehöhe ist eine echte Drehscheibe.

Die schmale Gemeindestraße zum Krameterhof zweigt ab vom Ortsteil Ramingstein-Tafern. Einige Kilometer bergwärts später bietet sich dann schon beim Eintritt durch die Hoftore die volle Ladung Natur. Man fühlt sich fast wie in einem botanischen Garten – was der Krameterhof, das kann vorausgeschickt werden, aber nicht ist. Vogelgezwitscher und andere Tierlaute, von denen nicht alle gleich zuzuordnen sind, sind hörbar. „Überall“ wachsen Pflanzen, spätestens auf den zweiten Blick die Erkenntnis, dass es sich hier um manch‘ Raritäten handelt. Die Natur ist hör- und schmeckbar. Der erste Eindruck des Idylls ist zwar beeindruckend. Was hier passiert, ist aber nicht Inszenierung, sondern vielmehr Alltagsleben und Tagwerk. Verrichtet von Kra-meterbauer Josef Andreas Holzer und seinen Mitarbeitern am Hof.

Regionalität trifft Internationalität

Zu diesem Alltag gehören die landwirtschaftlichen Gerätschaften ebenso wie der Kochtopf. Der für die Permakultur bekannte Hof zeigt sich nämlich in seiner einmaligen Vielfältigkeit. Alternative Landwirtschaft ist das, was Senior-Krameterbauer Sepp Holzer seinem Sohn vorgelebt hat. Er, Josef Andreas, hat das ihm Mit-gegebene in seinem Wissensdrang sowie seinem Universitätsstudium erweitert. Mit dem Ergebnis, die Wirtschaftsform auf jeden Fall wieder salonfähig gemacht zu haben. „Wir beschäftigen uns mit den verschiedensten Bereichen der Landwirtschaft. Dazu zählen Ackerbau, Tierhaltung, Obstbau, Imkerei, Aquakultur, Agroforstwirtschaft, Gewürz- und Arzneipflanzenkultur sowie die Pilzzucht“, fasst Josef Andreas zusammen. Der Krameterhof ist ein landwirtschaftlicher Produktionsbetrieb auf der einen, sowie Ort der Wissensvermittlung auf der anderen Seite. Gleichzeitig noch – und das ist existentiell – ist der Hof ein kleiner Forschungsbetrieb. Und nicht zu vergessen, ist er die Basis von internationaler Projektaktivität. Multifunktionell also, und alles in allem ein ganz und gar nicht normaler Bauernhof im Lungau.

Seit 2011 wird das Anwesen von Josef Andreas bewirtschaftet. Der heute 37-Jährige ist gelernter Förster und studierte in Graz Ökologie. In seine Heimat ist er danach gerne zurückgekehrt. Zu seiner Arbeit zählen vor allem auch internationale Projekte, die er mit externen Partnern, mittlerweile einem eingespielten Team, umsetzt: Ein großes Projekt zum Beispiel wird derzeit in der französischen Provence abgewickelt: „Mit einem Bioweinhändler wurden Konzepte zur Optimierung des Wasserhaushaltes erarbeitet“, erzählt Josef Andres und fügt hinzu: „Das Thema Wasser in der Landwirtschaft ist generell mein Steckenpferd.“ Beachtliche Projekte gibt es auch in England, in Oxford etwa wurde eine Parklandschaft direkt an der Universität errichtet. „Hier designen und bauen wir einen Park mit Obst- und Kastaniengärten sowie neun Teichen.“ Vor ganz andere Herausforderungen ist der Lungauer wiederum in Bosnien, wo der Krieg
seine zerstörerischen Spuren in die
Landschaft gezeichnet hat, gestellt. Dass es heute eine ganz normale Arbeitswoche ist, von – beispielsweise – einer Projektbesprechung in der Schweiz zu einem Planungsmeeting in die Ukraine zu reisen, ist ganz normaler Alltag.

Da kann es also gut sein, dass Josef Andreas an dem einen Tag eben noch in England, zwischendurch in Bayern und tags darauf wieder daheim – beim Dachdecken – ist. Am Hof hat er die Unterstützung von seinen Schwestern sowie von Mitarbeitern und Voluntären. Bei aller Internationalität, die Basis des Krameterhofes liegt in der traditionellen Landwirtschaft. Diese ist der Ursprung von allem: „Der Krameterhof ist ein Selbstversorgerhof. Hier bei uns geschieht nichts anderes, als es vor hunderten Jahren schon gewesen ist“, sagt Josef Andreas. Zu den Tieren am Hof zählen Hühner in Freilandhaltung, Rinder, Pferde und Schweine in Offenhaltung. Pflanzen gedeihen in den Gewächshäusern, verschiedenste Tomaten- und Gurkensorten, Surinami-Spinat, Birkenessig, die gelbe Enzianwurzel, seltene Kräuter- und Gewürzpflanzen – das sind nur einige von vielen Beispielen an Raritäten, die am Krameterhof gedeihen. Besonders, dass man sich hier auch der Kultivierung von Heil- und Speisepilzen widmet: Shiitake und Seitlinge zählen zu den seltenen Pilzen, die am Krameterhof ganz traditionell im Freien sowie ausschließlich auf eigenem Holz angebaut werden. Nicht zu vergessen die essbaren Wasserpflanzen, Wasserpfeffer, die wie alle anderen Rohstoffe auch in der eigenen Seminarküche verarbeitet werden. Getreide wird auf den über 400 Höhenmeter führenden Terrassen angebaut – das sind die Wirtschaftsflächen gemäß der Permakultur-Idee und überall sind Besonderheiten zu finden.

Forschungsbetrieb und Versuchslabor, Ort der Wissensvermittlung und nicht „Schaubauernhof“

„Hier wachsen Zitronen und andere exotische Pflanzen“, das „wissen“ viele aus der Vergangenheit des Hofes: Es stimmt ja auch fast, was den Menschen vom Krameterhof in Erinnerung geblieben ist. „Mein Vater war sehr experimentierfreudig. Zur vielzitierten Zitrone kann ich nur sagen, dass es sich hierbei um eine kälteresistente, chinesische Sorte handelt. Es gibt sie immer noch hier bei uns, ja. Sie ist aber nicht zum Verzehr geeignet, sondern dient als Duft“, klärt Josef Andreas auf. Sein Vater hatte Pflanzen wie diese als Grundlage genommen, um neue Pflanzen drauf zu veredeln. Auch die Kiwis dürften in der Region noch bekannt sein. Kiwis wachsen im Lungau „generell recht leicht“. „Das alles waren Aktivitäten, um zu testen. Aus experimentellem Interesse, ganz ohne wirtschaftliche Relevanz“, so der junge Krameter. Sepp senior lebt mittlerweile im Burgenland und führt auch dort eine Landwirtschaft. Den Grundstein für den Krameterhof hat er zweifellos gelegt.

Das alte Bauernhaus, die landwirtschaftlichen Flächen, die, so wie es die Permakultur empfiehlt, terrassenartig angelegt sind. Mehrere Hütten, die als Ort für Workshops dienen, Gewächshäuser, Offenställe, Seminarhütten: „Zu uns kommt jemand, weil er es selbst will.“ Ganz und gar kein botanischer Garten – das ist entgegen des ersten Eindruckes, der da widerlegt sei, dieser Ort. Führungen, die zwischen Mai und Oktober durchgeführt werden und wofür man sich schon einen Tag Zeit nehmen muss, sind rar und ausschließlich für ein exklusives (meist Fach-) Publikum.

Nichts neu – und doch extrem innovativ

Josef Andreas gibt sich bescheiden, wenn er sagt, dass am Krameterhof alles „schon mal da war und nichts neu erfunden wird“. Er beeindruckt mit seinem Wissen und seiner Einfachheit, auf über 1.000 Metern am Berg zu leben, als Bauernbub aufgewachsen zu sein, Traditionelles gelehrt bekommen zu haben und dennoch offen in Richtung Alternativ-Landwirtschaft begleitet zu sein. Interdisziplinäres Denken hat ihn nach dem Studium die Projekterfahrung in aller Welt gelehrt. Mit der Erkenntnis, aus vielen Kulturen bestmöglich viel Gutes mitzunehmen. „Jede Kultur hat eine andere Stärke. Wir schauen uns eben alte Techniken an, analysieren, verstehen wie sie funktionieren und versuchen, sie in die heutige Zeit zu übertragen.“ Josef Andreas Holzer lenkt vom Bergbauernhof in Ramingstein aus entscheidende Projekte in aller Welt. Gemeinsam mit seinem Team am Hof und externen Partnern in allen Fachrichtungen. Krameterhof international, kann man da nur sagen.

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon