Beharrlich bis in die Skispitze

Im Leben von Lisa Grill aus Tamsweg dreht sich alles um Sport. Genau genommen ums Skifahren, wobei die 16-jährige Schülerin ein erklärtes Ziel hat: den Alpinen Skiweltcup.
 Ein Artikel von Andrea Kocher

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Doch der Weg in den „Zirkus“ der weltbesten Schifahrer bedarf Durchhaltevermögen aller Beteiligten. Dank Strukturen im österreichischen Sport ist das Weiterkommen so geordnet, dass sich die Weltmeister von morgen Treppchen für Treppchen nach oben arbeiten können. Die wenigen Ausnahmetalente tun dies schneller, üblicherweise dauert die Reise über Jahre. Bei jedem Sportler sind es andere Steinchen, die ins Mosaik passen.

„Jeder von uns hat das Ziel, in den Weltcup zu kommen. Aber man denkt eher von Saison zu Saison“, sagt Lisa Grill, die die 2. Klasse der Skihotelfachschule Bad Hofgastein besucht. Die 44 Schultage von Schulbeginn bis Weihnachten lassen sie ein wenig schmunzeln, gerade die Herbstzeit ist – natürlich – Trainingszeit. Als Mitglied im Kader des Salzburger Landesskiverbandes kommt sie, neben dem schulischen Trainingsangebot, in den Genuss noch optimalerer Vorbereitungen, sagt sie. Im Jugendkader sind derzeit 15 Skisportlerinnen, die einander von Kinderrenntagen an kennen. Einen Konkurrenzdruck verspürt die 16-Jährige weniger, im Gegenteil. „Man will schon besser sein als die andere, aber es ist mehr ein gegenseitiges Anspornen. Es gibt immer wieder welche, die sich selbst Druck machen, oder die Eltern. Das hilft dir dann auch nicht weiter.“

Lisa ist amtierende vierfache Schüler-Staatsmeisterin, sie ist in jeder Disziplin für einen Sieg gut. Dass sie es vermag, sich am Start voll zu fokussieren und ihren Lauf beherzt und mit Köpfchen anzulegen, erzählt man am Pistenrand über die Lungauerin. Und dass ihre Linie perfekt ist. Dazu stimmen auch die körperlichen Voraussetzungen für die Skirennläuferin, für die es heuer, mit Wechsel in die Jugendklasse, ans Eingemachte geht: Um FIS-Punkte, über die die Berechtigung zum Start bei Wettkampfserien und die Zuordnung zu Startgruppen ermittelt wird. Hier bedeutet – anders als im Weltcup – eine niedrige Punktzahl eine bessere Platzierung. „Es wird von unseren Trainern eingeteilt, bei welchen Rennen wir starten“, freut sich die Allrounderin auf ihre Einsätze. Sich nicht ausschließlich auf das Punktesammeln zu versteifen, wird von Experten dabei stets empfohlen. „Entscheidend ist im Jugendalter, dass sich der Athlet in allen Bereichen bestmöglich weiterentwickelt. Dann kommen die FIS-Punkte von selbst“, ist der Mauterndorfer Peter Meliessnig, Konditionstrainer im ÖSV-Team und Betreuer von Skistar Anna Veith, überzeugt, „und was den Ernst des Leistungssportler-Lebens angeht: Den sollte man so lange wie möglich hinauszögern.“

Talenteschmiede „eigene Familie“

Auch deshalb, damit die Jugendlichen nie den Spaß und die Freude am Sport verlieren. „Erfolg ist in jeder Altersstufe wichtig, aber der Druck, unbedingt erfolgreich sein zu müssen, kann viel blockieren. Vor allem die Eltern dürfen nicht zu viel Leistungsdruck aufbauen“, weiß Peter Meliessnig, „ein permanentes ‚Du musst’ hat schon mögliche Karrieren beendet, bevor sie überhaupt anfangen konnten.“ Einen solchen Leistungsdruck verspürt Lisa nicht. Das mag zwar unter anderem an ihrem Talent liegen und an ihrem Willen, dieses Talent auch zu nutzen. Ebenso an ihren konstant guten Leistungen quer durch Kinder- und Schülerjahre sowie an ihrem besonnenen Charakter. Ebenso begründet sich ihre Gelöstheit am Rückhalt ihrer Familie. Denn, wie in so vielen Biografien der österreichischen Skistars zu lesen, ist es auch in ihrem Fall die Familie, die sie auf ihrem bisherigen Weg engagiert begleitete.

Eltern von „Sportkindern“, und das ist wohl in allen Disziplinen so, wissen heutzutage, worauf sie sich einlassen: Penible Wochenorganisation und Terminabstimmung sind eine Herausforderung, unzählige Begleitdienste zu Training und Rennen, Nachtschichten im Skikeller und kaum mehr ein freies Wochenende in der Wettkampfsaison. Nicht zuletzt die finanzielle Herausforderung, die sich mit zunehmendem Weg an die Spitze intensiviert, und der sich jeder selbst stellen muss – zu bewältigen ist diese mit eigenen Mitteln sowie, im Idealfall, mit Unterstützern und Sponsoren. Mit ihren Eltern hatte Lisa stets überdurchschnittlich engagierte und noch dazu fachkundige Vertraute an ihrer Seite. Beide fuhren in Jugendjahren selbst Rennen, beide sind staatlich geprüfte Trainer. Im vergangenen Frühsommer dann jedoch der Schicksalsschlag für die Familie, der plötzliche Tod von Papa Hans-Peter, ein tragischer Verlust in jeder Hinsicht. Lisa hielt an ihren Zielen fest und sieht sich nun im Konstrukt der Schwerpunktschule in Bad Hofgastein und des Salzburger Landesskiverbandes gut aufgehoben.

Der Preis des Erfolges

Mit mehreren Paar Schiern und Ausrüstung gewappnet schon im Spätsommer in Südtirol am Gletscher, während andere noch in Italien am Strand liegen. Frühmorgens die Laufschuhe schnüren und am Wochenende auswärts beim Rennen, während sich Gleichaltrige daheim um Disco und Modetrends sorgen. Lisa hat die richtige Einstellung. Die vielen Trainingsstunden übers Jahr, oft zwei Trainingseinheiten pro Tag sind nie lästige Pflicht. „Manchmal ist es schon mühsam, das Trainingspensum laut Plan durchzubekommen. Gerade im Sommer. Aber man motiviert sich mit dem Gedanken, dass man im Winter dann gut ist“, sieht es die Jugendliche pragmatisch, „Fitness ist für meinen Sport sehr wichtig und schützt ja auch vor Verletzungen.“ Sie hält nichts vom vielzitierten Preis des Erfolges. Es ist wahrscheinlich unterschiedlich, wie leicht oder schwer den Skijugendlichen Entbehrungen – Freunde, Party und Freizeit – fallen. Skitrainer Peter Meliessnig: „Je größer die Begeisterung, die Leidenschaft für den Sport ist, desto leichter fällt es auch, zu verzichten. Im Idealfall nimmt man den Verzicht gar nicht als Verzicht wahr.“

Peter Meliessnig; Foto: ÖSV

Lisa Grill möchte es schaffen und sieht ihrer ersten Saison als Jugendläuferin motiviert entgegen. Alle Daumen sind also gedrückt, auch für die anderen Lungauer und Salzburger Skitalente! Und denen, die vielleicht bereits die Bremse gezogen haben, gibt ihre Sportkarriere nicht weniger Relevantes auf den Lebensweg mit: Persönlichkeit und Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit und „die Härte, sich durchzubeißen, auch wenn es mal hart ist“, so Peter Meliessnig und bringt es auf den Punkt: „Sport ist eine perfekte Schule fürs Leben.“

Die 16-jährige Lisa und …

… Shopping: „Gehe ich ab und zu gerne, am liebsten kaufe ich Sportgewand.“

… Beauty: „Ist mir zu zeitaufwändig und mehr Geschäftemacherei.“

… Disco: „Für mich gibt es Wichtigeres.“

… Smartphone/Facebook: „Nutze ich natürlich auch, zwar nicht so viel wie andere, aber wahrscheinlich auch ein bisschen zu viel.“

… Urlaub: „Am liebsten in Kroatien und einfach mal nichts tun. Scheitert aber an meinen Finanzen.“

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