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Bühnenreif – das ist Theaterkunst am Land

Es war gewiss eine neue Ära, die vor dreißig Jahren mit der Gründung von Theater „Mokrit“ begann. Dies soll jedoch die bereits davor, die dazwischen liegenden, und auch die danach währenden Bemühungen vieler Personen, und ebenso bestimmter Gruppen auf keinen Fall schmälern. Im Gegenteil.

Laientheater und Dorfschauspiel, Bühnenprojekte und Schultheater: Es waren in all der Zeit, in der im Lungau Theater gespielt wurde, schon so viele Mitwirkende. Und sie alle haben das Theaterwesen in der Region durch ihr Engagement geprägt. Was sie verbindet, ist das gemeinsame Interesse an der Sache, Wertschätzung für die Gemeinschaft und Freude am Schaffen. Und sie, die Theatermacher, teilen den Wunsch, dem Publikum ein paar Stunden Auszeit vom Alltag zu bieten. Ob sie dies nun mit hoher Qualität und Tiefe, mit schwerer Kost tun, oder lieber mit der leichten Komödie und seichter Komik, das wählt jeder für sich selbst.

„Eine Wertung ist nicht möglich. Denn jeder, der Theater spielt, hat eigene Ansätze und eigene Vorstellungen, was er mit seinem Spiel bewirken will“, sagt Elisabeth Strauß. Die freischaffende Künstlerin, die auf Bühnen in Stadt und Land gearbeitet hat, Kostüme und Bühnenbild kreiert, beobachtet die Entwicklung des Theaterwesens im Lungau seit vielen Jahren. Eine entscheidende Rolle soll dabei Theater „Mokrit“ zuerkannt werden. Die 1985 in Tamsweg aus der Lungauer Kulturvereinigung LKV heraus gegründete Gruppe leistete sicherlich einen wichtigen Beitrag, den Lungau aus dem damaligen kulturellen Dornröschenschlaf zu holen. In ihrem eigentlichen Fach, dem Theater, überzeugte „Mokrit“ von Anfang an mit der „eigenen Schiene“. „Mokrit hat sich Persönlichkeit erarbeitet in den dreißig Jahren, es definiert sich nicht über Kassenschlager und macht Experimente aus eben diesem Bedürfnis heraus“, so Lisi Strauß. Mit Mut zu auch zeitgenössischen und gesellschaftspolitisch diskutierten Themen setzte sich „Mokrit“ stets vom Mainstream ab, man wollte und will vielmehr mit den Stücken zur Diskussion auffordern.

Dass dabei rundum professionell gearbeitet wird – Schauspiel, Regie, Technik, Bühnenbild und Kostüme – und es dennoch ein Amateurtheater bleibt, ist wohl das Besondere daran. Drei Mal wurde das Ensemble mit dem Ferdinand-Eberherr-Preis ausgezeichnet, einige „Mokrit“-Akteure fanden sogar zur professionellen Schauspielerei. Was die Gruppe noch auszeichnet, ist das vielfältige Spiel für Kinder und Erwachsene – über die Jahre etabliert hat sich das Jugendtheaterfestival „Simsalabim“. Und „Mokrit“ animiert den Nachwuchs auch zum Selber-spielen. „Theaterangebote für Kinder und Jugendliche zu schaffen, war und ist einer der großen Schwerpunkte der Theaterarbeit“, sagt LKV-Chef Robert Wimmer.

Stolz darauf, ein „Thunfisch“ zu sein

Anders ist der Ansatz, anders ist das Bedürfnis, im Bereich des Schultheaters. Es versteht sich nicht als Talenteschmiede und es ist nicht entscheidend, ob es die perfekte Produktion ist, die auf die Bühne gebracht wird. „Das Kind kann sich entwickeln, indem es in andere Rollen schlüpft. Theater ist Persönlichkeitsentwicklung. Und die Kinder lernen zudem schätzen, was Theaterspieler leisten“, sagt Wilfried Löcker. Der stellvertretende Schulleiter der Neuen Mittelschule Mariapfarr ist seit vielen Jahren um die Schultheatergruppe „Thunfisch“ bemüht. 1998 gab es einen Neustart für dieses Angebot außerhalb der Schulstunden. Zu allererst streben die Kinder danach, „einfach dabei sein, ein ‚Thunfisch’ sein“. Dann kommt der Spaß am sich-verkleiden, jemand Anderes zu sein und Bühnenerfahrung zu sammeln – es wird somit auch später im Berufsleben kein Problem sein, sich selbstbewusst vor Menschen zu stellen. Und das Schultheater-Publikum ist ein dankbares – ist das Interesse doch schon allein dadurch geweckt, dass ein Mitschüler auf der Bühne steht. Spannend wird auch das Stück sein, da es selbst geschrieben ist, jeder seine passende Rolle „auf den Leib geschrieben“ bekommt und es Themen aufgreift, die die Jugendlichen gerade interessieren und bewegen.

Schultheater bekommt dank der Kinder im Lauf der Zeit eine gewisse Eigendynamik. Viele Gruppen, ob in Volksschule oder in AHS, erweitern ihren Wirkungskreis über die eigene Schule hinaus. Bei „Thunfisch“ etwa gab es Zeiten, in denen das Jahresstück als Straßentheater an allen möglichen Orten und zu verschiedensten Anlässen aufgeführt wurde. Mobil und immer die Bühne dabei hatte man mit dem selbst gestalteten Theaterwagen.

Sympathie auf Wirtshausbühnen und im Dorftheater

Bunte Lungauer Theaterlandschaft! Bei näherer Betrachtung sind natürlich noch viele weitere engagierte Personen und Gruppen darin tätig. Manchmal sind es nicht dauerhafte Formationen, sie finden einander für Projekte und sind quer durch alle Gemeinden aktiv. Die Zeiten des Wirtshaustheaters, die auf den Holzbühnen, wie sie damals in den Gastwirtschaften noch üblich waren, in turbulenten Verwechslungskomödien der Pointe nachjagten, sind eher vorbei. Ganz sicher sind es aber die Laientheatergruppen, die die regionale Vielfalt ausmachen. Sie stehen nicht unter dem Zwang, eine gewisse Anzahl von Inszenierungen in einer gewissen Zeit darzubieten. Sie spielen dann, wenn sich eine Gruppe, ein Schauplatz, ein Stück findet.

„In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter, nicht das Leben“, sagte Oscar Wilde, und Lisi Strauß interpretiert dessen Gedanken weiter: „Kunst wird nicht allein beschrieben durch den Künstler, sondern auch durch den Betrachter“, bringt sie es zum Wirken des Theaters im Lungau auf den Punkt. Hinzuzufügen ist noch, dass „Mokrit“ in den drei Jahrzehnten des Wirkens rund sechzig Stücke inszenierte, und mit Qualität, ebenso „mit Herzlichkeit und Wärme“ an die 50.000 Besucher erreicht hat. Im November steht die neueste Produktion auf dem Programm: „Amore – Liebe geht durch den Magen“, womit nun auch das Maskentheater den Weg auf’s Land findet.

Andrea Kocher

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