dorfgemeinschaft_die_lungauerin

Der Gemeinschaftsgedanke prägt das Dorfleben – in Freud & in Leid

Dorfgemeinschaften sind meist in Tradition gewachsen, aber nicht immer. Sie verbinden Generationen und sind aktiv im Jahreskreis, stets im Sinne des Dorflebens. Es sind ganze Ortsteile, die aktiv sind, oder auch kleinere Siedlungsgemeinschaften. Für die Menschen in den Dorfgemeinschaften zählt das Miteinander, der Zusammenhalt. Rückhalt geben sie sich in Freud’ und im Leid. Eine einheitliche Regel oder allgemeine Vorgaben, wie eine Dorfgemeinschaft strukturiert, organisiert oder gar gelebt werden soll, gibt es nicht. Jede Gemeinschaft ist so, wie sie denkt, dass es für ihr Lebensumfeld richtig ist. Ganz egal, ob es ein Kameradschaftsführer, ein Obmann oder eine Bürgermeisterin ist, der oder die die Zügel lenkt, und der oder die meist jährlich neu gewählt wird.

Sie feiern gemeinsam verschiedenste Anlässe. Sie sind etwa bei Hochzeiten die verlässlichen „Verspenger“, treffen sich früh morgens zum „Aussaschiassn“ zu einem runden Geburtstag, rücken nach einer Geburt zum „Storch-Aufstellen“ aus. Es sind Traditionen innerhalb von Dorfgemeinschaften, mit denen die Mitbewohner einander Wertschätzung und Glückwünsche zum Ausdruck bringen. Außerdem organisieren sie Ausflüge, Eisstockschießen oder Fußballturniere, Frühschoppen oder kirchliche Feste. Es sind aber nicht nur die schönen geselligen Momente im Leben, die die Dorfgemeinschaft miteinander teilt. Man sieht sich auch im Leid verbunden. Bei Krankheit oder im Trauerfall „ist immer jemand da“, man lässt den Betroffenen seine Anteilnahme spüren und bietet sich als Hilfe im Alltag an. Die „üblichen“ Aufgaben von Dorfgemeinschaften an 365 Tagen im Jahr sind lungauweit ähnlich. Dennoch kann man das Wirken der einzelnen Gemeinschaften für ihren Ort und für ihre Siedlung nicht verallgemeinern. Denn jeder setzt individuell seine Schwerpunkte.

Beherztheit für Tradition und Schneid für Neues

Wie vielseitig Dorfgemeinschaften sind, dafür ist Unterweißburg (St. Michael) ein gutes Beispiel. Hier ist es eine Runde begeisterter Radfahrer, rund um Peter Bliem, die das Herz der Dorfgemeinschaft bildet. Auf Initiative der Sportler wurde erst heuer im Sommer ein neuer Dorfplatz mit Brunnen gestaltet. In Sauerfeld (Tamsweg), das ebenso auf ein besonders universelles Dorfgemeinschaftsleben verweisen kann, profitierten noch nicht lange her die Turndamen: Obmann Gerhard Klemm sorgte für die Finanzierung des Materials für neue Stepper – die Fitnessgeräte wurden nicht etwa angekauft, sondern von Handwerkerhand extra angefertigt! Und die Bergacher Dorfgemeinschaft (Mariapfarr) ist mit eigener Homepage präsent. Eine Idee, die der pensionierte Autowerkstätteninhaber Fritz Moser umsetzte. Es gäbe wohl noch so viele Beispiele…

Miteinander von Generationen

Es geht in der Dorfgemeinschaft ohnehin nicht darum, wer am Jahresende den längsten Tätigkeitsbericht vorweisen kann. „Das sagt ja schon der Ausdruck ‚Gemeinschaft’“, verweist eine Abordnung der Wöltinger Dorfgemeinschaft, rund um ihren Kameradschaftsführer Hans Oberegger und Junggesellenpräses Hannes Wieland, auf den eigentlichen, ja im Grunde simplen Sinn. Es stellt sich hier nicht die Frage nach einer lungauweiten Dachorganisation, wie man es von (eingetragenen) Vereinen kennt. Man findet keine ausnahmslos gültige Regel. Wohl aber gilt immer das ungeschriebene Gesetz des rücksichtsvollen Miteinanders aller: von Männern und Frauen („ohne Frauen ginge in der Dorfgemeinschaft gar nichts, auch die Frau des Kameradschaftsführers hat eine leitende Rolle“) sowie von Jung und Alt („die Werte, die wir haben, taugen der Jugend auch“).

Wölting und sein Gemeinschaftshaus

In Wölting, das der Wöltingerbach in die Gemeinden Tamsweg und St. Andrä teilt, aber nicht trennt, ist dies sogar in Stein gemeißelt. Diese Dorfgemeinschaft ist eine von jenen im Lungau mit längster Geschichte und Tradition. Und mit eigenen Statuten. Im Gründungsprotokoll aus dem Jahr 1950 liest man über „ein unbedingtes Zusammenwirken der Dorfbewohner“ als Ziel der Dorfgemeinschaft. Die Funktion eines Ansprechpartners im Ort, der seither jährlich gewählt wird, ist damals, nach der Eingemeindung des vorher eigenständigen Dorfes, entstanden. Auch ein Junggesellenpräses, wie es ihn anderswo seltener gibt, ist hier obligat.

Bekannt ist die Gemeinde Wölting auch durch ihre vereins- und dorfgemeinschaftliche Infrastruktur. Ist es doch angesichts der engagierten Mitwirkenden eine Überleitung von Dorfmusikkapelle, Freiwilliger Feuerwehr und Samsongruppe zur Dorfgemeinschaft. Jüngster Stolz aller ist das neue Gemeinschaftshaus: Der „Ort der Kommunikation“ wurde in den Jahren 2013/14 errichtet. Aus eigener Kraft, in Eigenleistung und mit finanzieller Unterstützung von Sponsoren sowie ausnahmslos des ganzen Dorfes. „Bei der Dorfsammlung hat wirklich jeder etwas gegeben. Das zeigt uns, dass die Dorfgemeinschaft jedem hier viel bedeutet“, freut sich der letztjährige Kameradschaftsführer, Werner Macheiner. Zum „Mittoan“ gezwungen wird aber trotzdem nie irgendjemand. Zu Veranstaltungen wird immer jeder schriftlich eingeladen – auch das ist eine in Tradition gewachsene Geste. Früher war es halt nur ein Zettel mit der Information, der von Kindern von Haus zu Haus getragen und zum Lesen vorgezeigt wurde.

Kameradschaftsführer, Obleute und „Bürgermeister“

Man kann nicht definitiv sagen, wie viele Dorfgemeinschaften es im Lungau gibt. Es gibt kaum Aufzeichnungen und gezählt – zumindest offiziell – wurden sie noch nie. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht möglich, eben deshalb, da die Begrifflichkeit der Dorfgemeinschaft sehr weitreichend ist. In St. Michael allein müssten es so um die fünfzehn Gemeinschaften und deren Vorstand sein. Hier werden die Führerin oder der Führer einer Dorfgemeinschaft auch „Bürgmeisterin“ oder „Bürgermeister“ genannt. Der Orts-Chef (der „echte“ Bürgermeister) von St. Michael, Manfred Sampl, kann aber mit seinen „Kolleginnen“ und „Kollegen“ gut leben. In seiner Wohnsiedlung ist übrigens eine „Bürgermeisterin“ im Amt, die er wiederum liebevoll seine „Chefin“ nennt.  Sampl ist stolz auf das Engagement der Dörfer und Ortsteile in seiner Gemeinde. 2016 feiert St. Michael das Jubiläum anlässlich von 600 Jahren Markterhebung. Man plant, dass zu diesem besonderen Fest die Bedeutung der Dorfgemeinschaften und ihre geschichtlichen Hintergründe im Speziellen hervorgehoben werden. Ein Ort funktioniert nur, wenn zusammengearbeitet wird“, fasst Bürgermeister Sampl zusammen und ergänzt: „Als ein großes Standbein für diese Zusammenarbeit gelten die örtlichen Vereine. Als zweitens maßgeblich sind eben die Dorfgemeinschaften. Der Übergang der Aktiven ist nahtlos.“ Auch die Wöltinger bringen es auf den Punkt: „Dorfgemeinschaften sind Teil des Lebens, manche gibt es seit Kurzem, manche seit Jahrhunderten. Sie prägen den Gemeinschaftsgedanken und bewirken vieles.“ Kurzum: Dorfgemeinschaften sind auch in Zukunft unbedingt erhaltenswert!

Andrea Kocher

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon