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Die Zeit kann nicht alles ändern

Für Tamsweg ist 1738 ein wichtiges Jahr: Es war die Geburtsstunde der „Vereinigten Bruderschaft“ und der Beginn einer bemerkenswerten Reise durch die Jahrzehnte. Zeit also, einmal zu hinterfragen, wie sich ein Bogen über das Brauchtum des Vereinigten zu heute spannen lässt. Kommissär Reinhard Wieland und Altkommissär Lambert Krist gaben der LUNGAUERIN Aufschluss.
 Ein Artikel von Andrea Kocher

_DSC9609Wie gravierend sich die Zeiten seit 1738 geändert haben, das muss man niemandem erklären. Auch den Vereinigten muss man nicht weiter erklären, zumindest nicht in Tamsweg und näherer Umgebung. Je größer aber die Entfernung zum Bezirkshauptort, umso erklärungsbedürftiger wird’s, da ja doch der Bezug schwindet. Regionale Beachtung findet die Bruderschaft mit dem Hufeisen-Symbol auf jeden Fall alle drei Jahre: Die Neuwahl des Kommissärs, und der danach folgende Festumzug, wird doch weitreichend im Lungau mit Spannung erwartet. Als beachtenswert darf der Vereinigte auf jeden Fall durch seine Rolle über Jahrzehnte und durch die Jahrhunderte bezeichnet werden. Die Zeit hat es diesmal nicht geschafft, einen Umstand zu verändern. Der Vereinigte überzeugt mit Kontinuität.

Zeit – eines der wertvollsten Güter

Über die als zunftähnliche Konstruktion gegründete Bruderschaft den Bogen vom 18. ins 21. Jahrhundert zu spannen, wird beispielsweise über ihre Grundsätze, ihre geistlichen und weltlichen Werte möglich. Die Bruderschaft versteht sich in einem gemeinschaftlichen sozialen Miteinander und in einer Zusammengehörigkeit, wohl mit einer gewissen Hierarchie durch die Funktionen, mit dem Kommissär und den Altkommissären an der Spitze, aber ohne Standesunterschiede und ohne politische Einflussnahme. Man übt gegenseitige Wertschätzung – alle Vereinigten sind untereinander per Du. Im Sinne des Miteinanders wird auch explizit darauf geachtet, Zwist zu schlichten. „Man kann sicher sagen, dass in Tamsweg wenig gestritten wird“, so Kommissär Reinhard Wieland, „weil man sich im Vereinigten ohnehin wieder versöhnen muss, wird Streit von vornherein vermieden.“ Vielmehr ist der Vereinigte, vor allem die Festwoche, der Anlass, dass sich Menschen treffen, die sich vielleicht das ganze Jahr über nicht sehen würden. Und wenn man sich übers Jahr doch begegnet, ist es immer besonders. „Ein halbes Jahr lang lachst du bei jeder Begegnung, weil du daran denkst, was derjenige beim Festumzug vorgeführt hat“, nennt Altkommissär Lambert Krist ein Beispiel. Einander Zeit widmen als ein weiterer Grundsatz, mit dem der Vereinigte in heutigen Zeiten der Schnelligkeit ein Zeichen setzt.

Seit dem 1.1.2017 also ist Unternehmer Reinhard Wieland der Vereinigten-Kommissär. Das eine, der Beruf als Chef eines mittelständischen Betriebes, wie das andere, die Ehrenfunktion, ist eine fordernde Aufgabe auch für den 50-Jährigen. Seine Rollen kann er aber recht gut auseinanderhalten. „Man ist beides. Im ersten Jahr, in der Oktav, bist du mehr Kommissär und weniger Unternehmer. Kommissär sein geht wirklich tief, es ist die größte Ehre und deshalb nimmt man sich gerne die Zeit dafür.“

_DSC8668Frauen stehen dahinter

Kommissär zu werden, das ist weder jedermanns Wunsch – niemand wird zwangsbeglückt, dies gilt generell für den Eintritt in die Bruderschaft, niemand wird „angeworben“. Das Amt kann aber auch niemandes „Karriereplan“ sein. „Kommissär wirst du nicht, weil du einen guten Tag, sondern weil du im Vereinigten Volk einen gewissen Stellenwert hast“, betont Altkommissär Krist und verweist auf die Relevanz der Frau Kommissär: „Kommissär sein, das geht nicht ohne Frau und Familie. Der Vereinigte muss vom ganzen Umfeld mitgetragen werden.“ So haben Frauen im Vereinigten – und das steht wohl gegen die landläufige Meinung über die Bruderschaft – einen ganz enormen Stellenwert.

Kommissär und Altkommissäre, Bischof und Leviten, die Junggesellen mit ihrem eigenen Präses,… es sind wohl auch diese und alle weiteren (Ehren-)Ämter im Vereinigten, die ihn so einzigartig machen. Die Vereinigten zu Tamsweg sind eine gesunde und standeslose Basis für die Gesellschaft. Es wird keine Berufsgruppe hervorgehoben, es gibt keine Standesunterschiede, keine Altersgruppierungen und niemals galten politische Gesinnungen. Vielmehr wird die Nachbarschaft in den Ortsteilen gefördert, und alles Handeln der Vereinigten begründet sich in einem tiefen Verwurzelt-sein mit Tamsweg. Dies ist in verschiedensten Formulierungen in den Archivbüchern zu lesen, und von den ehrenhaften Vereinigten selbst immer wieder zu hören.

1738 bis 2017. Die Grundsätze des Vereinigten Brauchtums sind bis heute dieselben geblieben. Die Zeit brachte wohl manch Feineinstellungen mit sich, Meinungsänderung ist aber nie passiert. Eine Leistung und Auszeichnung für die Bande, die immerhin über Jahrhunderte reicht, und die Weltkriege, Wirtschaftskrisen sowie sozialen Wandel durchlebte – das ist doch der beste Bogen, den jemand durch die Jahrhunderte spannen könnte…

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