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Dürrenmatt in der Schlossereiwerkstatt

Es ist zweifellos ungewöhnlich, wie sich eine Produktionshalle eines metallverarbeitenden Betriebes zu einem kulturellen Zentrum wandeln kann. In einer Lungauer Schlosserei aber wird dieser Wandel schon seit längerem erfolgreich vollzogen. Ab und an öffnet nämlich der kunstbegeisterte Unternehmer Stefan Ritzer die Türen seiner Schlosserei in Steindorf bei Mauterndorf, um so Raum zur künstlerischen Entfaltung frei zu geben. Jüngst war es Theater, mit dem ein etwas anderer Zugang zur Kultur eröffnet wurde: Aufgeführt wurde „Die Panne“, der anspruchsvolle Klassiker von Friedrich Dürrenmatt.

Es ist nicht ein Theater, das in der Werkstatt aufgeführt wird, sondern wir lassen die Werkstatt in das Theater hinein wachsen“, schickt Regisseurin Rosemarie Rösler voraus. Denn in der Produktionshalle der Lungauer Schlosserei Ritzer, wo im normalen Betriebsalltag bis zu zwanzig Tonnen schwere Stahlbauteile gefertigt werden, geschieht eine völlig neue Form der Kulturvermittlung. „Die Panne“ ist die aktuelle Inszenierung. „Ein selten gespieltes Stück, obwohl der Stoff höchst brisant ist“, begründet Rösler die Auswahl, „es ist eine Komödie, die aber kein oberflächliches Lachen hervorruft.“ Geht es doch um Gericht, Schuld und Gerechtigkeit. „Eine Parodie auf die Gerechtigkeit, die grausamste aller fixen Ideen, in deren Namen der Mensch Menschen schlachtet“, so schreibt Dürrenmatt – man darf dies als die Quintessenz des Stückes verstehen.

Original ist das gesamte Umeld. Es gab bewusst nur zwei Aufführungen und damit ein erlesenes Publikum, dem zeitgenössische Kunst aufbereitet in der ausgefallenen Kulisse von Stahlseilen, Kränen und schweren Maschinen geboten wurde. Auch deshalb, um der Konsumgesellschaft von heute ein Zeichen zu setzen: Dass, „wenn ich das Stück nicht sehe, ich es versäumt habe. Gleichzeitig soll es zeigen, dass das Leben auch weiter geht, wenn ich etwas versäume“, so Stefan Ritzer, der selbst in einer kleinen Rolle auf der Bühne steht. Eine Bühne, die aus den richtigen Arbeitsbühnen der Werkstatt zusammengestellt wurde. Von Meisterhand geschweißt ist jedes Requisit im Bühnenbild, gefertigt aus Materialabfällen der Schlosserei. Ein imposanter Stahlluster, ein Tisch, Stühle und sogar eine Schaukel, selbst kleine Details wurden „werkstattgetreu“ in Szene gesetzt. Authentisch auch das gesamte Produktionsteam, bis hin zu Licht- und Tontechnik. Im Scheinwerferlicht stehen ausschließlich Laiendarsteller, darunter mehrere Schlosserei-Mitarbeiter. Einer davon, Stefan Hönegger, spielte die Hauptrolle.

Die Initiative dahinter ist „Kultur in der Werkstatt“, die Aktion entstand vor zwölf Jahren „eigentlich aus reiner Lust am Theater“, erinnert sich Ritzer. Er hat „Kultur in der Werkstatt“ gemeinsam mit Rosemarie Rösler gegründet und weitergeführt. Wohl deshalb, um zeitgenössischer Kunst im Lungau eine Möglichkeit zur Entfaltung geben zu können. Aber auch des Fingerzeigs wegen, dass Arbeitsleben und Kultur-Erlebnis niemals Gegensätze sein, sondern vielmehr verschmelzen sollen. Es ist gelungen – und Stefan Ritzer ist überdies hinaus überzeugt: „Die Kultur hat auch meine Firma kultiviert.“

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