tim cole

Ein Webblog, der Lions Club, Tante Julchen und alles Mögliche mehr…


Erste Kontaktaufnahme per Facebook, sofortige Rückmeldung und danach umgehend die Terminvereinbarung, diesmal per Telefon. „Wir sind halt von der schnellen Truppe“, lädt Tim Cole noch am selben Abend meiner Anfrage zum Grillen ein. Spontan und herzlich, denke ich mir. Und so richtig cool, denn die neuen Medien sind für den 65-jährigen Präsidenten des Lions Club Lungau das geringste Problem.

Natürlich sind sie das nicht. Tim Cole ist immerhin gelernter Journalist von der Pike auf, Deutschlands erster Internet-Journalist, gefragter Wirtschaftsjournalist, und seit zwanzig Jahren mit seinem Blog (*Anmerkung auf der nächsten Seite) auf www.cole.de aktiv – eine Domain, so kurz, wie sie heute gar nicht mehr möglich ist
. „Internet-Tagebuch“ hat er seinen Blog damals genannt. Die Usergemeinschaft war um 1995 natürlich noch sehr bescheiden, sie beschränkte sich auf Computerfachleute und Selbst-Internetmacher. Mit 65 Jahren ist Tim Cole keineswegs ruhiger geworden, sondern schreibt lieber ein Buch nach dem anderen. Mit diesen Büchern im Gepäck bereist er als Keynote-Referent die Welt, vor allem den deutschsprachigen Raum. „Heute schreibe ich und rede darüber“, fasst er seinen jetzigen Job zusammen und erklärt damit, weshalb ihn renommierte Großkonzerne einladen, um ihn aus seiner Wahlheimat Lungau vor ihre Rednerpulte zu holen.

Auch die Coles, Tim und seine Ehefrau Gabi, „laden sich gerne Gäste ein“ (frei nach der Strauß-Oper „Die Fledermaus“). Das aber nun ganz privat, und in ihr Zuhause nach St. Michael im Lungau. Dort haben sie seit zwanzig Jahren ihre Wahlheimat gefunden. 18 Jahre lang davon waren sie nur im Sommer hier, der Hauptwohnsitz blieb berufsbedingt in München. Nun aber wohnen sie schon fast drei Jahre im alten St. Michaeler Forsthaus. Ein gemütliches Platzerl ist das, auf Anhieb total entspannend und inspirierend.

Nur ein paar Stunden nach der Einladung zum Abendessen geht es also für mich über die Steinstufen zur Veranda hinauf. Es fallen gerade noch ein paar Regentropfen, ein Gewitter hat sich gerade verzogen. Eigentlich wäre der Haupteingang hinten gewesen, die Unwissenheit des Besuchers, die mit meinem ungenierten „Hineinplatzen“ gleich in einem der beliebtesten Aufenthaltsorte der Coles endet: Auf der Veranda des stimmigen Forsthauses, das seine jetzigen Bewohner lässig hergerichtet haben. Einiges hier drin, gerahmte Titelseiten und Bilder etwa, erinnert an eine bewegte Vergangenheit, die vom Lokaljournalisten über die „Bild“ und danach in die Magazinwelt führte. Als Chefredakteur bei der „Motor Presse Stuttgart“ war er Mitgestalter vieler verschiedener Special-Interest-Formate, und von Beginn an der Fachmann im Bereich „Multimedia“. Tim Cole erklärt mir, wie „Multimedia“ eigentlich entstand. „Es gab einen Bereich, der war Computer, der andere war Unterhaltungselektronik, der dritte die Mobiltelefonie. Die drei Bereiche haben wir damals zu einem zusammengefasst: Multimedia.“

Rasante Entwicklung des Computerbereiches, aufkommendes World-Wide-Web, der beginnende Siegeszug des Mobiltelefons. Die Rede ist immer noch von Anfang/Mitte der 90er-Jahre. Tim Cole hat von Beginn dieser Entwicklungen an die Bande zwischen Technik und Wirtschaft gelegt. Es war dann die Zeit, sich aus dem Chefredakteursberuf zurückzuziehen, sich selbstständig zu machen und ein eigenes, interessantes Geschäftsmodell anzugehen. Dieses beinhaltete den Blog und die damit neue Möglichkeit zu Kommunikation und Informationsaustausch, sowie vor allem die Bücher, von denen er 1999 sein erstes veröffentlichte: „Erfolgsfaktor Internet“. Was er in Buchform dokumentiert, gibt er in seinen Vorträgen wieder. Spannend, dass es ausgerechnet den Online-Publizisten in den Lungau verschlug. Eine Region mit Orten – und damit sind jetzt nicht die entlegenen Alm- und Berggebiete gemeint – die in punkto Online-Verbindung und Datentransfer nach wie vor nach Lösungen sucht. Und was ist mit der Angst vor dem Internet, die Stadt, Land und Leute nach wie vor beschäftigt? Klare Ansage des Pioniers. „Internet verändert uns, es ist aber keine Bedrohung. Es macht nicht Roboter aus uns, sondern ermöglicht, unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten. Mit der Verantwortung, selbst die Wahl zu treffen“, sagt Tim Cole und verweist auf Immanuel Kant „sapere aude“:  „Wage, dich deines Verstandes zu bedienen.“ Auch der Lungau kommt da nicht mehr raus: Alle Zeichen stehen auf Übergang von der analogen zur digitalen Welt.

Diese bewegte Lebensgeschichte muss erst mal verdaut werden. Das vorerst mit dem Salat im Magen, zum Essen wechseln wir in den Garten, wo der Griller angeheizt wird. Hier erzählt Tim Cole ganz nebenbei, in St. Michael sowieso der „Tim vom Forsthaus“ zu sein. Im gesamten Lungau aber ist seine Person spätestens seit seiner heurigen Präsidentschaft beim Lions Club ein Begriff. Eine Aufgabe, die natürlich ernst genommen wird. „Ich habe den Clubfreunden gleich gesagt: Ich werde ein unbequemer Präsident sein – da ich verändern will“, sagt Tim Cole. Er möchte aktiv sein, wohl in der Form, wie es ein Digerati, ein Vordenker, der in der digitalen Welt „zu Hause“ ist und der den nötigen Mut zur Umsetzung der Idee aufbringt, tut. Mit umfassender Recherche und dem nötigen Bauchgefühl. „Ich sitze wie eine Spinne im Netz und sammle Informationen“, schmunzelt Tim Cole. Achso, im Net(z) also! Passender könnte er es nicht gesagt haben. Von diesen Digerati sieht Tim Cole unter den Lungauer Unternehmern übrigens einige. Weshalb sich die Frage nach seiner Sicht zur Zukunft der Region erübrigt hätte. „Sorgen machen“ will er sich nicht und betont vielmehr: „Ich teile den Zukunftspessimismus nicht.“

Die Lions Clubfreunde haben erst vor Kurzem wahrscheinlich nicht schlecht gestaunt, als nicht nur ihr Präsident – er ist geprüfter Jäger, die Ausbildung, dabei mehr die Kenntnis über die heimische Tierwelt, zu absolvieren sah er für sich als Lungauer als klare Pflicht – sondern auch dessen Frau beim Lions-Preberschießen die Trophäen abräumten. Die persönliche Sammlung im Forsthaus wird dieses Jahr also von der Lions-Club-Glocke sowie von dem begehrten Schützenpokal mal zwei bereichert. Wichtiger ist Tim Cole aber das „Sight First“. „Das Engagement gegen Blindheit und Sehbehinderung steht seit fast hundert Jahren im Mittelpunkt des Wirkens des internationalen Lions Clubs. ‚Sight First’, eine internationale Langzeitaktivität der Lions zur Bekämpfung von vermeidbarer Blindheit, hat inzwischen weltweit mehr als 200 Millionen Dollar an Spenden aufgebracht“, erläutert der Lions-Präsident. Auf regionaler Ebene äußert sich dieses Anliegen von Lions International, sich für die Erhaltung der Augengesundheit und der Vermeidung von Erblindungen einzusetzen, zunächst in der Kontaktaufnahme mit dem Salzburger Blinden- und Sehbehinderten-Verband (SBSV). Die Lions luden zu einer gemeinsamen Wanderung am Prebersee ein und sie unterstützten den Informationsstand der Lungauer Verbandsmitglieder am Hohen Festtag in
Mariapfarr.

Längst gegessen, sehr lecker war’s. Da kann man auf ein Glas Weißwein schon noch im Garten sitzen bleiben. Obwohl das Gewitter die Temperaturen auch im August schon deutlich absenkte, typisch halt für den Lungau, trotz des heuer außergewöhnlich heißen Sommers. Tim Cole, geboren in den USA, wärmt das Herz mit seinen Erzählungen über seine deutsche Mutter und seinen amerikanischen Vater, einem Luftwaffenoffizier, weshalb er die Kindheit auf allen möglichen Militärstützpunkten verbrachte. Dann der Umzug nach Deutschland, in die Staaten kehrte er zu Studienzwecken zurück. Plötzlich aber die eilige Abreise: Da ihn, den amerikanischen Staatsbürger, der Einberufungsbefehl ereilte. Durch einen glücklichen Umstand erfuhr er davon, bevor er diesen so bedeutenden Bescheid in Händen hielt. Dass er zu dem Zeitpunkt, als der Postbote mit der Nachricht in Händen an seine Tür klopfte, im Flugzeug nach Deutschland saß – Schwein gehabt, und garantiert legale Ausreise, nicht Fahnenflucht. „Ja, schon“, antwortet Tim Cole auf die Frage, ob er denn auch ein Flüchtling sei. Nur dass er, anders, als es tausenden Kriegsflüchtlingen von heute möglich ist, in wenigen Stunden auf dem Luftweg in Sicherheit landete.

Flüchtlinge… Tim Cole erwähnt ganz nebenbei, dass der Lions Club auch die vom Lungauer Frauentreff forcierte Ausbildung zum/r „Migrationshelfer/in“ unterstützt. Und dass er im Sommer als Deutschlehrer in den Übergangs-Flüchtlingsheimen zweier Lungauer Schulen tätig war. Seine Meinung prinzipiell in punkto Zuwanderung? „Eine Region wie der Lungau braucht Migration, um der Entvölkerung durch die Landflucht entgegen zu wirken. Wir werden in ein paar Jahren für jeden Migranten dankbar sein, der bereit ist, sich hier nieder zu lassen, Steuern zu entrichten und in die Rentenkasse einzuzahlen
. Denn wenn die Bevölkerungszahl immer weiter sinkt, werden die Politiker in Salzburg garantiert mit dem Abbau dringend benötigter Einrichtungen wie Krankenhaus oder Bezirkshauptmannschaft reagieren.“

Ein inspirierender Ort ist es wirklich, dieses Forsthaus. „Forsthaus“, der Name des Eigenverlages, steht auch prominent auf einigen Cole-Büchern auf der Titelseite platziert

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. Dazu kommt der Begriff „Lungauer Gespräche“, der ist mit Tim Cole und einem Freund erklärbar: Mit Ossi Urchs, dem Internet-Pionier, -Aufklärer und Mit-Autor von „Digitale Aufklärung“, hat er sich an dem kleinen runden Tisch auf der Forsthaus-Veranda niedergelassen. Meinungsaustausch, konstruktive Gespräche dort, wo wir vorhin den Aperitif zu uns nahmen. „Zuvor trafen wir einander im Spessart, zu unseren ‚Spessarter Gesprächen’, nur um zu reden, erst daraufhin unser Buch zu erarbeiten.“ Ossi Urchs ist im Herbst 2014 verstorben. Das Buch war gerade fertiggestellt.

Also, das Internet ist ganz klar „eines der größten Abenteuer der Menschheitsgeschichte“. So beschreibt es Tim Cole – sein Name ist mit dem Blog zu einer Marke, seine Person zu einem Vorzeige“produkt“ geworden – in einem Kapitel seines Buches „Hinter dem Bildschirm – Leben, Lieben und Sterben im Zeitalter des Internet“. Hier sammelt er ausgewählte Beiträge aus 20 Jahren www.cole.de, womit er gleichzeitig aufzeigt, dass das Natürliche, das Greifbare trotz aller digitaler virtueller Errungenschaft doch die Daseinsgrundlage bleibt. Was würde „Tante Julchen“ dazu sagen! Das Geburtstagsjubiläum der damals 90-jährigen Dame in den 70ern war eine der ersten „großen Storys“ des damals jungen Lokaljournalisten Tim Cole. Tante Julchen bleibt ihm in Erinnerung. Und dass eine Region wie der Lungau der Ort ist, wo Natur- und Ruhe-Suchende „ankommen“ können, würde die alte Dame aus dem Raum Heidelberg wohl bestätigen.

Besonders ist und bleibt der Werdegang von Tim Cole. Dessen Danksagung in einem seiner Bücher, in dem er über Freud’ und Leid’ des Internets und seine Leidenschaft „Bloggen“ schrieb, darf hier als Fazit genommen werden: „Dieses Buch ist meiner lieben Frau Gabi gewidmet, dem großen Glücksgriff meines Lebens
. Wie sie es mit mir aushält, ist mir schleierhaft, aber ohne sie würde mir so ziemlich alles fehlen. Vor allem die Gelassenheit, die Dinge dies- und jenseits des Bildschirms mit Abstand und Spaß zu kommentieren.“ Keep on blogging!

Andrea Kocher


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