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Entscheidung zwischen Altbestandsanierung und Abrissbirne

Liebe, Zeit und Geld – wer sich dieser Voraussetzungen glücklich schätzen kann und sich demnach organisieren will, der bringt für das Projekt einer Sanierung des ländlichen Altbestandes die nötigen Voraussetzungen mit. Die LUNGAUERIN hat bezirksweit nachgeschaut und nachgefragt, ob sich Herr und Frau Lungauer die Revitalisierung von landwirtschaftlichen Anwesen zumindest zu Wohnzwecken noch zur Aufgabe machen oder ob sie lieber dem neugebauten modernen Auszugshaus den Vorzug geben.

Manche sind schon mehrere Jahrhunderte alt. Jetzt stehen sie unbewohnt, verlassen und somit verfallen da. Es sind eben ausgerechnet die alten leerstehenden Bauernhäuser, die im Orts- und Landschaftsbild auffallen, wenn diese aufgrund ihrer Ungenutztheit vorerst an Leben, danach unweigerlich sukzessive an Substanz verlieren. Dabei sollten sie eigentlich die regional wertgeschätzten und trotz mancher Makel immer noch schönen Zeitzeugen sein. Meist sind die Bauernhäuser noch dem landwirtschaftlichen Anwesen, das noch bewirtschaftet wird, angeschlossen. Steht das gesamte Ensemble aber bereits alleine, könnte zum Wohnhaus noch ein – wahrscheinlich ebenso baufälliger – Stall dazu gehören, vielleicht sogar ein im Lungau üblicher Getreidekasten. Wertvolles Kulturgut und traditionell gefestigte Gegebenheiten, die das Sanierungsprojekt bei allem Engagement seines Bauherren nicht einfacher machen.

Die nachkommende Generation sieht sich zwischen der oft sicherlich schwierigen Entscheidung ob Neubau eines modernen Eigenheimes nach eigenen Vorstellungen oder dem Erhalt des alten Stammhauses, das gewisse Standards vorgibt. Ein Trend zum wieder Herrichten und zur weiteren Nutzen des Altbestandes ist im Lungau derzeit durchaus sichtbar. Es sind dies dann die früheren Heutennen, Werkstattbereiche und Geräteschuppen, die zielstrebig zu Wohnbereichen umgebaut werden. Meist sind diese dem – noch gut erhaltenen – Bauernhaus angeschlossen. Schwieriger wird es, wenn das gesamte landwirtschaftliche Objekt schon in einem sehr schlechten Zustand ist. Von diesen landwirtschaftlichen Ruinen quer durch den Bezirk gibt es dann doch so einige. Die Gründe dafür sind vielfältig. Abwanderung der Nachkommen könnte eine Ursache des Verfalls sein. Oder es scheitert an den Kosten. Oder der Altbestand wird nicht als Wohnraum benötigt – folglich schwindet nach und nach das Interesse daran. Bliebe noch die Möglichkeit des Verkaufes des Altbestandes innerhalb des Anwesens. Weshalb sich viele trotz Unnützlichkeit dagegen entscheiden, dafür könnte der Grund sein, dass man sich nicht einen „Fremden“ in den familiären Hofverband holen will. Schließlich wird der Käufer sein Bauernhaus später ja als Wohnsitz nutzen.

Wer überhaupt an den Abbruch des Altbestandes denkt, der sollte diese Entscheidung nicht voreilig treffen und lieber vorher einen Experten zu Rate ziehen. „Im Sinne des Fortbestandes lohnt es sich, die Bausubstanz zu begutachten sowie zu beurteilen, um so den Zustand der Bauteile zu erörtern“, empfiehlt Horst Scharfetter, Sachverständiger für Bauwesen und Immobilien.

Immer noch „es Hatzl, Hausnummer 16“

Umso erfreulicher die Positivbeispiele in den Gemeinden, wo alte Bauernhöfe nach wie vor bewohnt sind, bei denen die Besitzer – ob es nun die Nachkommen oder die Käufer sind – diese nötige Liebe, Zeit und Geld aufbringen. Als Vorzeigeobjekt für eine besonders gelungene Sanierung eines alten Bauernhauses gilt das „Hatzl“ in Lessach. Mark und Bettina Klarenbeek, sie stammen aus Holland, sind Vermieter und Infostellenleiter im örtlichen Tourismusverband, haben das markante, steingemauerte, alte Bauernhaus mitten im Ortszentrum vor zehn Jahren in grob sanierungsbedürftigem Zustand gekauft.

Gut fünf Jahre wurde am „Hatzl“ gewerkt, das Bauernhaus nutzen die Klarenbeeks nun als privaten Hauptwohnsitz, ein Teil davon macht den nunmehrigen „Dreiländerwirt“, mit vier Gästezimmern und acht Betten, Küche und Wohnbereich aus. Die Tenne und der Stall sind teilweise im Urzustand, sie dienen als Werkstatt und Altholzlager. Ein wahres Juwel ist der Troadkasten. Er wurde restauriert und zusammen mit der ursprünglich angebauten Wagenhütte zu einem Frühstücks- beziehungsweise Aufenthaltsraum für die Gäste umgebaut. Dass man beim Rundgang am „Hatzl“ im Außenbereich – ein historischer Pflug zum Sonnenschirmständer umfunktioniert, ein Hochbeet aus alten Dachziegeln gesetzt – wie Innendrin immer wieder auf erhaltene historische Details stößt, die in die Neugestaltung miteinbezogen wurden, macht den Charme des gepflegten Anwesens insbesonders aus. Dazu zählt etwa die schwere alte Eingangstür zum Troadkasten, deren Rußrückstände noch an den großen, alles zerstörenden Lessacher Ortsbrand im Jahr 1908 erinnern. Das Nachbarhaus zum „Hatzl“, vulgo „Ambros“, in Lessach noch allseits als die Trafik bekannt, ist ebenso im Besitz der Klarenbeeks. Das wäre wohl das nächste Projekt…

Den Klarenbeeks würde es mancher Bauherr wahrscheinlich gerne gleich tun. Wäre da bloß die finanzielle Herausforderung nicht. Förderungen wären hilfreich, was wiederum bedeutet, sich für Information ausreichend Zeit zu nehmen. „Nur nicht entmutigen lassen!“, spornen Mark und Bettina Klarenbeek künftige Althaus-Sanierer an. Sie haben gute Erfahrungen gemacht: „Uns wurde bei der Sanierung des Daches und Mauerwerkes des Getreidekastens schnell und unbürokratisch geholfen, unkompliziert auch hinsichtlich einer Förderung.“ Sachverständiger Horst Scharfetter weiß aus Erfahrung um die nötigen Voraussetzungen: „Mit einer ordentlichen Finanzierung, gemeinsam mit einem Bankberater des Vertrauens, ist es natürlich möglich, zu Förderungen zu kommen. Dies ist aber generell mit viel Zeit verbunden. Detailpläne sind erwünscht, was sich finanziell wiederum in die Planungskosten niederschlägt. Beschäftigt man sich eingehend mit der Materie, kann man in Summe sicherlich profitieren.“

Im Fördertopf des Landes Salzburg steht Geld für Sanierungs- und Restaurierungsvorhaben bereit. Unterstützung gibt es allerdings nur dann, wenn gewisse Vorgaben eingehalten werden. „Der Urzustand beziehungsweise das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes muss zum Großteil erhalten bleiben. Das hat zur Folge, dass dadurch Mehrkosten entstehen“, erklärt Christian Haller, Experte für historische Bauten vom Referat „Erhaltung des kulturellen Erbes“. Es sind gewisse vorgesehene Materialien, alte Handwerkstechniken und spezielle überlieferte Handwerkertätigkeiten, die abgegolten werden. Historische Außenputze, Besonderheiten wie Kastenstockfenster oder historische Innenbauten zählen beispielsweise dazu, ebenso die Dachdeckung oder Fassadenverschlag mit Lärchenbrettern oder Lärchenschindeln. Förderungen unterstützen also gewisse Bauschritte, ersetzen jedoch nicht die Kosten.

Traditionelles Handwerk muss sein

Christian Haller hat sich aktuell auch privat einem Sanierungsprojekt angenommen, der Salzburger mit Tamsweger Wurzeln hat das alte „Kohlhäusl“ in Mariapfarr gekauft und komplett restauriert. Auch als „Weberknechtkeusche“ oder „Geigerkeusche“ bekannt, reichen dessen Ursprünge bis ins frühe 18. Jahrhundert zurück. Das Objekt stand jahrelang leer und wechselte öfter die Besitzer. Wie Christian Haller erklärt, war es aufgrund einer statischen Destabilisierung nicht möglich, die alte Keusche in der Ortsmitte in seiner Urtümlichkeit zu sanieren. Erhalten bleiben konnte unter anderem aber der sogenannte „Schliafer“ (der Kamin), der nun der zentrale Punkt im Haus ist. Der Dachstuhl bedurfte aufgrund seines guten Zustandes keiner Erneuerung, das Kaltdach mit Lärchenbrettern und die Fassade mit Spritzputz und Lärchenverschalung, die größtenteils original blieb, ist einer der entscheidenden Sanierungsschritte für eine ansehnliche Optik. Das neue „Kohlhäusl“ ist zweifellos eine große Bereicherung für das Mariapfarrer Ortsbild.

Damit das Sanierungsprojekt auch gelingt, legt Christian Haller – als Privatperson und Bauherr auf der einen, als Experte aus beruflicher Erfahrung auf der anderen Seite – jedem ans Herz, bereits bei der Planung unbedingt einen Baumeister mit Spezialwissen oder Architekten beizuziehen, um die Kosten zu bestimmen. „Ganz voraussagbar sind die Kosten bei einem alten Haus sowieso nie“, sagt er und verweist ebenso auf die „Zusammenarbeit mit Profihandwerkern, die sich mit der Sanierung der alten Bausubstanz auskennen“. Weniger wegreißen und mehr erhalten, so lautet das Motto und die Vorgehensweise der erfahrenen Bauprofis. Zu diesen Voraussetzungen hinzu noch die nötige Eigeninitiative, dann komme die Erhaltung und Sanierung durchaus kostengünstiger als ein Neubau. „Im Land Salzburg werden jährlich zirka zehn historische Bauernhäuser fachgerecht erhaltend saniert und zu Wohnungen oder Appartements ausgebaut“, fügt Christian Haller hinzu, „dies ist vor allem der jüngeren Generation zu verdanken.“

Fortsetzung einer Geschichte

Zur optimalen Planung und zur Ausführung durch Professionisten, die das „alte Handwerk“ noch beherrschen, rät auch Sachverständiger Horst Scharfetter. Auf den Bedarf wird seitens der Innungen auch schon reagiert. „Die Landesinnung Bau forciert Kurse für Facharbeiter, die speziell auf Althaussanierung abgestimmt sind. In vielen handwerklichen Berufen, vor allem im Maurer- und Zimmererberuf, wird wieder speziell auf altes handwerkliches Geschick wert gelegt. Man denke zum Beispiel an den Kellenwurf für den Handputz – dieses alte Wissen würde sonst verschwinden“, so Horst Scharfetter. Auch die Baustoffindustrie reagiert: Im Angebot finden sich mittlerweile wieder spezielle Materialien, die sich für die handwerkliche Verarbeitung bei Anwendung traditioneller Arbeitstechniken eignen.

Alte Bauernhöfe sind Bauten mit Geschichte, mit Lebensgeschichten. Sie dokumentieren einstiges arbeitsreiches Bauernleben, heute verheißen sie urig-traditionelle, räumlich großzügige Wohn- und Lebensqualität. Es ist mit wirtschaftlichen Ressourcen machbar, die Bausubstanz begutachten und genau untersuchen zu lassen, die Baufälligkeit der Bauteile zu erörtern. So sagen die Experten. Man solle sich nicht durch den ersten Blick vom desolaten Zustand alter Häuser täuschen lassen. Dicke Mauern und meist intakte Dachstühle sparen Geld bei der Sanierung und Dämmung. Besonders und einzigartig wird das Dasein im neuen, alten Wohn- und Lebensraum sein. Besonders und einzigartig für seine Bewohner, die den Zeitzeugen erhalten haben und seine Geschichte mit der ihren fortführen.

Andrea Kocher

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