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Hänschen klein und die Lungauer Wirtschaft

Top ausgebildet, mit Berufserfahrung und am besten mit bereits gegründetem Unternehmen soll die Lungauer Jugend, die nach Matura oder Lehre ihr Glück im städtischen Raum suchte, als junge Erwachsene in die Heimat zurückkehren. Genau so wird es sich jede ländliche Region für ihren Nachwuchs wünschen. Aber, dieses „Hänschen-Klein-Phänomen“ wird auch in der nächsten Zukunft nicht zum großen Trend werden. Der tiefere Blick in die Wirtschaftsregion hat trotzdem gezeigt: Der eine oder andere „Hans“ ist im Lungau bereits erfolgreich tätig und kann so beispielgebend für eine neue Entwicklung sein.

Nicht Absiedelung und Loslassen der Heimat des Berufes wegen soll der Lebensweg dieser vielzitierten Fachkräfte sein. Sie sind vorwiegend in den technischen und technologischen wie in den unkonventionellen Berufssparten und Branchen zu finden. Die Wirtschaftsregion am Land würde ihr Know-how einerseits dringend brauchen, kann andererseits aber kaum bis gar nicht die Jobmöglichkeiten bieten. Hänschen Klein zieht also davon und kehrt sieben Jahre später als stattlicher Hans nach Hause zurück. Als ein in Erfahrung sowie in der Persönlichkeit gewachsener Mensch. Das ist es, was das Sinnbild des bekannten Kinderliedes verdeutlichen will. Einmal Landflucht, bitte! Und zurück? Es gibt sie immer öfter, jene Lungauer, die diesen Weg beschreiten.

Die Firma „Sterilsystems“ mit Sitz in Mauterndorf ist eines der Paradebeispiele. Nach zwanzig Jahren im städtischen Raum ist Karl-Heinz Schröcker 2013 mit seinem Unternehmen (Entwicklung, Montage und Vertrieb von Geräten, die bei der Entkeimung von Luft, Oberflächen und Wasser im Einsatz sind) in den Lungau zurückgekehrt. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Herbert Sampl übernahm er damals auch die Firma „Lugama“, beide Unternehmen sind am selben Standort niedergelassen. Kompromisse musste er für die Rückkehr in die Heimat nicht eingehen, sagt Karl-Heinz Schröcker. Er, der in St. Margarethen aufgewachsen ist, stellte für sich und seine Familie die Lebensqualität in den Vordergrund. Ebenso die „noch gesunde Einstellung der Lungauer zur Arbeit“. Jedoch bekam es auch er bei der Suche nach höher qualifiziertem Personal schnell mit der unliebsamen Katze zu tun, die sich bekanntlich unaufhörlich in den Schwanz beißt: Eine ländliche Region zwischen Fachkräftemangel auf der einen und geringen Jobkapazitäten auf hohem Bildungsstandard auf der anderen Seite. Nicht nur die technischen beziehungsweise technologischen Branchen sind betroffen. Karl-Heinz Schröcker kann die Situation erfahrungsgemäß beurteilen: „Gute Facharbeiter zu finden, ist nicht unbedingt ein Lungauer Problem. Das wird generell schwieriger.“

Die Abteilungen seines IT-Unternehmens mit heimischen Fachkräften abzudecken, das hat GMS-Gründer und Geschäftsführer Ulrich Hutter weit über fünfzehn Jahre lang versucht: Leider vergeblich, bedauert der Unternehmer aus St. Michael, der erst letztes Jahr mit der Firmenzentrale nach Salzburg gesiedelt ist und überdies in Berlin ein Büro installiert hat. „Ich wollte eigentlich immer die Leute in den Lungau zurückholen. Dass sie nach ihrem Studium, in Graz, Wien oder Berlin, egal wo, daheim im Lungau Arbeit finden. Dass sie, wenn sie Familien haben, weg von der Stadt zurück in die lebenswerte Region kommen können“, sagt Ulrich Hutter über seine Erfahrungen. Schlussendlich die Erkenntnis, dass sich niemand an ein Unternehmen, an einen fixen Job binden will. „Was, wenn das Arbeitsverhältnis – aus welchen Gründen auch immer – auseinandergeht. Dann gibt es in unserer Branche keine Alternative.“ Die Erweiterung von GMS außerhalb der Bezirksgrenzen wird am ursprünglichen Firmen-standort am Katschberg nichts ändern, dieser wird mit zwanzig Mitarbeitern fortgeführt. Um im Lungau mit seiner Familie leben zu können, ist es dem IT-Experten wert, dass er berufsbedingt quer durch Europa reist. Die Geschäftsreisen absolviert er übrigens am liebsten per Bahn: „Die unkomplizierteste Art, einfach und schnell zu reisen. Das ist auch etwas, das bei uns fehlt!“

Welche Bedeutung sollten Bezirks- und Landesgrenzen zur Definition eines Wirtschaftsraumes eigentlich zuerkannt bekommen? Das Pendlerdasein ist obligat, egal, ob der Ausgangspunkt das Land oder die Stadt selbst ist. Auch der Städter pendelt zig Kilometer zur Arbeit. Eine Entwicklung daraus, dass Arbeitgeber wie Dienstgeber immer mehr die Lebensqualität dem Job voranstellen. Gerhard Kocher, Chef eines Industrieautomation-Unternehmens in München mit Mariapfarrer Wurzeln, kann dies bestätigen. „Ich selbst lebe im schönen bayrischen Oberland, fahre aber sechzig Kilometer zur Arbeit. Ich habe den Vorteil, meine Zeit frei einteilen zu können, so kann ich beispielsweise die Rush-Hour vermeiden. Auch kann ich viel von zuhause aus am Computer arbeiten – das ginge theoretisch auch vom Lungau aus, ein schneller Internetanschluss vorausgesetzt“, schlägt Gerhard Kocher die Schneise sogleich zurück in seine Heimat. Mehr als eine Niederlassung sei aber selbst in der theoretischen Annahme der optimalsten Erfüllung aller Voraussetzungen nicht drin.

Dabei kann die Wirtschaftsregion Lungau doch mit vielerlei Positivem punkten: Die geografische Lage ist europäisch zentral, Grund und Boden für Betriebsansiedelung sind noch leistbar. „Wir sind nicht abgeschieden, die Wirtschaftsräume Wien, München, Laibach, Mailand liegen im Umkreis von ein paar hundert Kilometern“, erwähnt WK-Bezirksstellenleiter Franz Lüftenegger. Lebens- und Arbeitsqualität sind hoch, der Lungauer ist als Mitarbeiter motiviert und loyal dem Betrieb gegenüber. „Wir dürfen uns nur nicht einreden lassen, dass ‚nichts’ funktioniert“, fügt der WK-Chef hinzu. Wenn Projekte trotz aller Innovation scheitern, ist dies dann aber doch oft mangelnder Risikofreudigkeit zuzuschreiben.

Man mag den Wirtschaftsraum Lungau beschaulich oder überschaubar nennen. Auf starke Basis gestellt ist die Region dank der regionalen Paradeunternehmen vor allem, aber nicht nur, in den traditionellen Branchen von Handwerk und Gewerbe bis zum breiten Dienstleistungssektor. Es sind dies Traditionsunternehmen wie Ehrenreich Bau, Vorreiter wie Ökopharm und Samsondruck oder die Fertigungsbranche, mit Kaco, Digital Eletronic, Maco und Co. Bildung, Umsetzung von Know-how und Einsatzbereitschaft, dazu noch der nötige Blick über den Tellerrand hinaus,
sollte ohnehin in jedem Beruf als das Erfolgsrezept gelten. „Gewisse Traditionen beizubehalten und weiterzuentwickeln, ist wichtig“, knüpft Karl-Heinz Schröcker von Sterilsystems hier an, „aber Innovationen, überdurchschnittliches Engagement, Kreativität und Weitblick sind in jedem Job oder Unternehmen gefragt: Damit man am Markt überhaupt bestehen und besser werden kann.“

Frisörlehre und Kfz-Mechaniker

Penetrant hält sich das Bild der klassischen Frauen- und Männerberufe. Die Wirtschaftskammer zeigt sich bemüht, in Kooperation mit Bildungspartnern Ausbildungsvielfalt auch auf dem Lehrlingssektor zu fördern, über Möglichkeiten wie Lehre mit Matura oder dem Lehrabschluss anschließende Bildungswege zu demonstrieren. „Mit der Berufs-Infobörse haben wir mittlerweile schon ganz gut erreicht, Jugendlichen und ihren Eltern zu vermitteln, dass es mehr Berufe im Lungau gibt“, so WK-Bezirksstellenleiter Franz Lüftenegger. Auch ist derzeit ein Projekt in Entstehung, das den Aufbau einer Internetplattform zur Kommunikation mit Lungauer Unternehmern außerhalb der Region sowie deren Vernetzung zum Ziel setzt. Franz Lüftenegger verweist auch auf die Pinzgauer Initiative „Komm’, bleib’“. Hier wird auf Vereinsbasis zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit der Region mit „Regionsmarketing, Wirtschaftsförderung und Fachkräftemanagement“ agiert.

„Unternehmensförderung“ als Begriff, den man regional wie global generell viel diskutiert. Roberto und Maria Leonardi – Roberto ist Italiener, Maria stammt aus Mariapfarr – tun das schon lange nicht mehr. Mit LEONARDIarte haben sie in den letzten zehn Jahren eine mittlerweile in der weltweiten Kunst- und Designszene anerkannte Marke geschaffen. Sie werden zu renommierten Messen in Berlin, Paris und Mailand geladen und fertigen für Konzerne wie Red Bull einzigartige Objekte – aktuell ist es die Gürtelschnalle für „Wings for Life“. Dass die Fäden nach wie vor von Mauterndorf aus gezogen werden, dass sich neben dem Atelier und der Galerie auch die gesamte Betriebsorganisation vom Lungau aus abspielen, von der Idee über das Produktions-Setup bis zum Vertrieb, ist kaum bekannt. „Eine alte Lastwagengarage und eine alte Backstube sind unsere Arbeits- und Lagerräume. Wir nutzen brachliegende Potentiale, dadurch wird das Ortszentrum belebt“, sagt Maria Leonardi und begründet, warum sie Mauterndorf als Unternehmensstandort gewählt und beibehalten haben: „Wir sehen die Stärken und Schwächen der Region. Die Stärken sind die Lebensqualität, die Naturbelassenheit, der ganze Lungau ist ein Kraftplatz und eine Quelle der Inspiration. Auch als Familienmittelpunkt ist der Lungau ideal, da die Kinder in einem sehr ursprünglichen gesunden Umfeld aufwachsen und auch gute Schulbildung bekommen. Wir haben Gründe gefunden, warum wir den Unternehmensmittelpunkt im Lungau haben.“ Mit Mut und Leidenschaft ist es möglich, am Land Erfolg zu haben.

Vielversprechend sollte die nachkommende Generation dennoch sein: Sie ist schließlich mehr denn je mobil, dank social media global vernetzt. Ganz andere Voraussetzungen als noch vor wenigen Jahren also. Die Unterstützung durch „das System“ ist nichtsdestotrotz vorausgesetzt. „Durch Firmen, die ihre Produkte exportieren und ein Steigerungspotential haben, könnten mehr Arbeitsplätze für gut ausgebildete Personen geschaffen werden. Das macht die Region attraktiver. Diesbezüglich sollte es noch mehr Initiativen geben“, ist auch Karl-Heinz Schröcker überzeugt.

Sie bleiben Einzelphänomene, diese „Hänschen Kleins“ des Lungaus. Aber es gibt sie immerhin schon. Landflucht, weil es der weitere Ausbildungsweg so verlangt, weil man Erfahrung sammeln will und sich der Horizont eben ausschließlich anderswo erweitert. Es sind bestens ausgebildete Fachleute mit Berufserfahrung, die vereinzelt im Lungau ihre berufliche Lebensaufgabe finden. Oder es in Kauf nehmen, zugunsten der ländlichen Wohn- und Lebensqualität der ganzen Familie beruflich jenseits der Grenzen zu ziehen. Und es sind beherzte Unternehmer, die ihren Betrieb auch über den Wirtschaftsstandort Lungau definieren können. Sie sind beispielgebend für eine Entwicklung der Wirtschaft einer Region. Auch die „Hänschen Kleins“ werden diese Katze, die sich im Kreislauf „Ausbildung, Beruf, Jobchancen und Investitionen“ fortwährend in den Schwanz beißt, nicht vollends zähmen können. Sie tun aber zweifelsohne Entscheidendes dazu, das „Sich-im-Kreis-Drehen“ zu entschleunigen.

Andrea Kocher

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