„Ich habe meinen letzten Schutzengel verbraucht“

Kriege, Krisen und Katastrophen quer über den Globus hat Kameramann Robert über Jahrzehnte für die Fernsehzuschauer dokumentiert. Sein Beruf ist oft gefährlich, er ist dennoch seine Berufung, und deshalb hat es den 60-jährigen Wahl-Lungauer immer und immer wieder an die schlimmsten Plätze der Welt geführt.
 Ein Artikel von Andrea Kocher

Robert Reinprecht im Irak. Fotos: Robert Reinprecht

Dokumentieren, aufzeigen, Augen öffnen. Dafür ist Robert Reinprecht in seiner beruflichen Laufbahn in alle möglichen Kriegs- und Krisenländer gereist. Kaum eine Ausgabe der „Zeit im Bild“ des ORF geht ohne zumindest einen Beitrag des Wahl-Lungauers vonstatten. Seine „Hardcore-Zeit“, wie er es selbst beschreibt, begann Anfang der Neunzigerjahre mit der Jugoslawienkrise. Anfangs bildeten eine Kamera, ein paar VHS-Kassetten, das Stativ und der mobile Schnittplatz die Standardausrüstung. Und eine schusssichere Weste. 50 Kilogramm hat er damit durch die Welt geschleift. Außerdem mit dabei, so erzählt der heute selbstständige Filmemacher etwa über den Irak-Krieg, hatte er je einhundert Liter Wasser und Benzin sowie ein Stromaggregat. Alles gut verstaut am Dach des gecharterten Geländewagens, so zog er in den Krieg.

Mit seiner Ehefrau Silvia lebt Robert in Mariapfarr.

Heuer im Juni hat Robert seinen 60. Geburtstag gefeiert. Vor fünf Jahren ist er seiner mittlerweile Ehefrau Silvia nach Mariapfarr gefolgt. Noch mehr als andere kann der gebürtige Kärntner die Lebensqualität im Lungau schätzen. Sein langjähriger Wohnsitz Wien war ihm mit den Jahren ohnehin viel zu eng geworden.

Die Anonymität und Ruhelosigkeit der Großstadt war vor allem auf Dauer nicht hilfreich, seine beruflich bedingten, negativen Erfahrungen zu kompensieren. In seiner neuen Heimat im Salzburger Süden war es dann schon der erste Eindruck, die landschaftliche Schönheit, Natur und Kultur, die begeisterten. „Ich hole Fleisch und Eier direkt beim Bauern, gehe gerne wandern und unser Garten ist Ruhe, Rückzug und Entspannung“, sagt Robert und gibt zu: „Ich habe den Lungau dank Navi gefunden!“ Schon eine „Leistung“ für einen Globetrotter, der sich meist ohne technisches Orientierungsmittel durchgebissen hat.

Humor ist wichtig, lachen können.

Als Kameramann gab es natürlich auch viele schöne Momente und lustige Erinnerungen. „Wenn aus der geplanten einen Woche Reise plötzlich vier Wochen werden, dann bleibt es nicht aus, dass du gemeinsam mit deinem Kollegen die Unterwäscheabteilung von H&M durchkramst und im niedlichen Shirt-Partnerlook wieder herauskommst“, erinnert er sich vergnügt. Unübertrefflich wiederum war die Begegnung mit dem Dalai Lama. Vor Seine Heiligkeit zu treten und von ihm den weißen Schal um den Hals gelegt zu bekommen, war eine außergewöhnliche Ehre. Vermittelt hatte das Treffen übrigens Heinrich Harrer, ein Nachbar von Roberts Mutter in Kärnten. „Manchmal gehören glückliche Umstände schon auch dazu, dass du zu deiner Geschichte kommst“, findet Robert. Dass er das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich trägt und Heinz Fischer all die Jahre begleitete, auch darauf ist er stolz. Zu Recht. Der ergreifendste Augenblick von allen war für ihn, als ihm im Kosovokrieg ein kleiner Junge eine rote Rose überreichte – das dabei entstandene Foto manifestierte sich als ein Sinnbild der Dankbarkeit und Hoffnung im Kriegselend. „Wir sind ja überall im Land herumgekommen und haben deshalb, bevor noch die Hilfsorganisationen ankamen, sozusagen Erste Hilfe bei der Grundverpflegung geleistet. Zum Beispiel Babynahrung und Windeln haben wir eingekauft und verteilt“, erzählt Robert. Vor diesem Hintergrund bekommt die rote Rose des kleinen Buben zweifellos eine ganz besondere Relevanz…

„Die Umstellung vom Schnittplatz auf den Computer war das Schlimmste.“

Arbeitsalltag damals im Irak-Krieg: Im Hotelzimmer am mobilen Schnittplatz.

Die Digitalisierung brachte neue Kameratechniken und moderne Ausrüstung mit sich. Ist die heutige System- und Formatvielfalt nicht unbedingt immer praktisch, ist zumindest das Gepäck leichter und handlicher geworden. Auch lassen die Möglichkeiten der Medien vorab vorrecherchieren und erahnen, was einen am Krisenschauplatz erwartet. Dennoch wurden die Auslandsaufenthalte immer unkontrollierbarer, immer gefährlicher. „Ich habe meinen letzten Schutzengel verbraucht. Und zwar noch nicht lang her im Ukraine-Konflikt. Ich wurde von einem Auto angefahren“, begründet Robert, weshalb er sich jetzt vorwiegend auf die EU- und Weltpolitik-Berichterstattung für den ORF zurückbesonnen hat. Tagung der EU-, Staats- und Regierungschefs, Europäisches Forum, Präsidentschafts-Wahlen,… das sind jetzt die Herausforderungen. Und er dreht Filme, wenn er gefragt wird. Sich von den gefährlichen Auslandseinsätzen zurückgezogen zu haben heißt nicht automatisch, dass er weniger reist. „Bis dato habe ich heuer mehr als sechzig Flüge.“

„Die Geschichten liegen nun mal nicht im Büro, sondern auf der Straße.“

Unter anderem gehörten, neben den vielen Kriegen, auch die Katastrophen in Pakistan und Fukushima dazu, ebenso der Tsunami in Thailand. Aktuell ist es die Flüchtlingskrise, allein im Zeitraum der letzten zwei Jahre war der Filmreporter zig Male in Griechenland. Wie man nur all diese Tragödien, so viel menschliches Schicksal, hunderttausende Toten und Zerstörung verkraften kann? „Wenn du dich nicht im Griff hast, machst du dich kaputt“, sagt der 60-Jährige. „Die erste Zeit erlebst du wie in einem permanenten Stress, in einem Schockzustand. Du versuchst, zu helfen, schläfst und isst tagelang nicht. Bis es nicht mehr geht“, erzählt Robert, der immer in Begleitung eines Journalistenkollegen reiste. So oft waren sie nicht nur Berichterstatter, sondern Beistand. Und er habe gelernt, welche Situationen vor die Kamera gehören und wo die Grenze ist. Und dass man das Filmgerät auch einmal beiseitestellen kann, um mitzutrauern, mitzuweinen und mitzuzweifeln.

„Das Nicht-Gefilmte hat nie stattgefunden.“

Sein Beruf führte den Kameramann in entlegenste Gebiete der Welt.

Robert zitiert seinen Kollegen und ORF-Reporterlegende Horst Kimbacher, an dessen Seite er unzählige Auslandsreisen absolvierte. Mussten doch viele Journalistenkollegen – bekannter- und unbekannterweise – ihr Leben lassen. Kalter Schauer, wenn er erzählt, dass er und sein Kollege damals doch nicht zum vereinbarten Presseflug in den Militärhubschrauber stiegen. Und dieser kurz danach abstürzte. Dass ein geplantes Präsidenten-Interview doch abgesagt wurde und er vorzeitig ausreiste. Und das Hotel tags darauf nach einem Bombenanschlag in Trümmern lag. Und dass man sich doch nicht mit einer Journalistengruppe in Begleitung von Söldnern ins Kriegsgebiet einschleusen ließ, weil das Bauchgefühl dagegen war. Und vier Kollegen am selben Tag starben durch die Schüsse der Söldner, die sie eigentlich beschützen sollten. Nicht schöner der Gedanke, eine Pistole an den Kopf gehalten zu bekommen. Schutzengel, ja, davon hatte er wohl so einige aufgearbeitet. Und Todesangst? „Sie ist deine Lebensversicherung, weil du einen Schritt zurück steigst und in diesem Moment kapitulierst.“

Film ab!

Interessiert an moderner Technik: Experimente mit der Drohne am Mariapfarrer Hausberg, der Gensgitsch.

Sein Leben hat ihn vieles gelehrt – dank seiner High-Tech-Drohne widmet er sich nun auch gerne der Betrachtungsweise aus der Vogelperspektive. Er zog seine Erkenntnis daraus. „Ich war in 186 Ländern der Welt. Wir leben ein Leben in Wohlstand, den unsere Eltern erarbeitet haben. Ich wollte mit meinen Filmen immer zeigen, wieviel Elend auf der Welt herrscht, und wie gut wir leben.“ Dennoch denkt Robert Reinprecht, dass die Realität eine andere ist. „Ich wollte mit meinen Bildern bewegen, herzeigen, wie verrückt die Welt ist und was man damit anrichtet. Jedoch hat sich leider nichts verändert. Es ist immer schlimmer geworden. Weil Mensch nicht weitergedacht hat.“ Er liebt seinen Beruf, von der Kameraaufnahme bis zum Schnitt und zur fertigen Gesamtproduktion. Und auch, wenn er selbst es anders sieht: Er hat es durch sein Engagement durchaus geschafft, des einen oder anderen Fernsehzuschauers Augen zu öffnen.

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