Kräftiges „Lesezeichen“ aus dem Lungau

Viele lesen, andere schreiben, manche tragen vor und einige slammen sogar. Manche tun mehreres davon in Kombination. Obgleich Leser, Autoren, Vortragende und Poetry Slammer völlig Verschiedenes vollführen, eines haben sie gemeinsam: Es ist die Sprache, die sie beschäftigt und mit der sie sich beschäftigen. Das ist auch im Lungau so.
 Ein Artikel von Andrea Kocher

Fotos: Andrea Kocher

Im Büchergewölbe in Tamsweg ist ein guter Platz für mich, um mir Inspiration zu holen und einen möglichen Startpunkt für die Reise durch die heimische Literaturlandschaft zu bestimmen. Eins wird mir inmitten der ordentlich sortierten, bunten Büchertischen und -regalen sogleich klar: Diese Literaturlandschaft ist weit, keiner Gruppe vorbehalten und gibt der Gemeinschaft keine Regeln vor. Womit genau sich die Lungauerinnen und Lungauer beschäftigen, bedarf somit der näheren Betrachtung. Lesen, natürlich – und Wolfgang Pfeifenberger kann mir ein gewisses Literaturinteresse und eine Lesefreude der Heimischen nur bestätigen. „Ich führe eine reine literaturvermittelnde Buchhandlung und ich lebe von Büchern, das spricht doch für die Region!“, sagt der Buchhändler und Verleger.

Seit 30 Jahren führt Wolfgang Pfeifenberger sein Büchergewölbe, es ist fürwahr eine Drehscheibe der Literatur im Lungau. „Hier treffen sich Leser- und Autorenschaft, Fotografen und Maler, es ist ein dichtes Netzwerk, in dem Ausdrucksformen Platz finden“, erklärt er mir. Sie ist also existent, diese Literaturplattform, die das ganze Jahr über immer wieder literarische Highlights bietet. Dazu ist auch das aktuelle Literaturprogramm „lesn und losn“ zu zählen, das von 11. bis 25. November in der Wirtschaftskammer Tamsweg stattfindet. „Dieses Lungauer Literaturfestival wurde im Vorjahr von der WKS-Bezirksstelle in Kooperation mit der Lungauer Kulturvereinigung, den regionalen Buchhandlungen und den Lungauer Büchereien erstmals anstelle der traditionellen Buchwoche organisiert“, erklärt WKS-Bezirksstellenleiter Franz Lüftenegger. Dabei wurden in einem Zeitraum von drei Wochen 21 Veranstaltungen durchgeführt. Die Bandbreite war groß: Autorenlesungen, Vorträge und Buchpräsentationen standen ebenso auf dem Programm wie Literaturfilme, Erzähltheater und Vorlesestunden. Von der Fortsetzung im heurigen November darf man sich wiederum eine literarische Vielfalt erwarten – und das wiederum bei einem Eintrittspreis von einem Euro für jede Veranstaltung, denn, so weisen die Organisatoren hin: „Lesen ist ein großes Wunder!“

POETRY SLAM – Jugend spricht Kunst

Dem kann man natürlich nur zustimmen, und wer dank Kindern öfters in Buchhandlungen, überdies auch in Flohmarktkisten und in der heimatörtlichen Bücherei nach Lesestoff Ausschau hält, den wundert es nicht, dass sich literarisches Interesse in jungen Jahren begründet. In Kinder- und Jugendbuchregalen finden sich all die Geschichten, die dem Nachwuchs die deutsche Sprache lehren. Und nach wie vor wird gerne in Sachbüchern und Lexika geblättert. Das Lesen unterstützt wiederum die Kenntnis und Freude am Schreiben – und führt noch viel weiter, nämlich zum Vortrag. Vor Publikum sprechen, auf der Bühne etwas erzählen, das ist bekanntlich nicht jedermanns Sache!

Die Lungauer Poetry Slammer sehen das nicht anders. Sie aber lieben es, auf der Bühne zu stehen und vor Publikum zu sprechen. Besser gesagt, zu slammen, denn die Kunst aus den 1950er-Jahren Amerikas, die in den Siebzigern nach Deutschland kam, ist eine ganz besondere.

„Es ist überschaubar“, lässt mich Georg Santner auf meine Frage wissen, von welchen Dimensionen man über die Poetry-Slam-Szene im Lungau denn so sprechen kann. „Auf einer Hand kann man es zwar nicht mehr abzählen, vielleicht auf zwei?“, versucht Andreas Moser den „kriechenden Trend“ zu beschreiben. Es habe seine Zeit gedauert, bis sich Poetry Slam den Weg auch in den Lungau bahnte. „Je näher du in die Stadt kommst, desto aktiver wird die Szene“, sind die beiden Gymnasiasten sicher und vermuten: „Wir glauben, dass es bei uns sicher viele gibt, die schreiben, aber nicht wissen, dass es Poetry Slam ist, was sie schreiben und in ihrer Schublade verstecken.“

Dass es bei ihr genauso war, das sagt Sophia Url, die dritte der kleinen Poetry-Slam-Runde, die ich vor der „künstlerei“ treffe. Beeindruckt von ihren Slam-Erfahrungen mit ihren gerade erst 14 Jahren darf meine Frage nicht fehlen, worüber sie denn schreibt. „Über Weltprobleme, also über Krieg und Umweltverschmutzung zum Beispiel. Und halt über das, was einen als Jugendlichen alles so bewegt“, sagt Sophia, die das Lesen als gute Grundlage für das Texterarbeiten beschreibt. In Büchern findet sie neue Ideen, nicht nur, denn auch „beim Wandern fallen mir alle möglichen Dinge ein“, so Sophia.

SPRACHE – die Quelle aller literarischer

Ausdrucksformen

Der Zugang zu dieser Kunstform ist ein vielfältiger. Manche sammeln ihre Ideen in einem Buch und jeder hat seine eigene Methode, um erste Reime und Textanfänge zu notieren. „Ich habe auf meinem Handy zwölf Titel auf einer Liste, dazu ein paar kurze Sätze“, sagt Georg zu seiner Vorgehensweise. Es sind nicht etwa Arbeitstitel, sondern bereits aussagestarke Headlines, die sich der 18-Jährige „für besondere Anlässe aufbewahrt“. Georgs Slam-Leidenschaft passt mit der des Theaterspielens zusammen – in der aktuellen Inszenierung von „Theater Mokrit“ anlässlich des Stille-Nacht-Jubiläums in Mariapfarr mimt er die Haupt-
person, Josef Mohr.

Poetry Slam, für den es im Übrigen kein Alterslimit nach oben geben sollte und für den das Interesse an Sprache als entscheidende Voraussetzung gilt, ist eine Bereicherung für die heimische Literaturszene. „Es ist halt eine freie, eine gesprochene Kunst. Man kann kein Buch von uns Lungauer Poetry Slammern kaufen“, fassen die Jugendlichen zusammen, „es wird halt nichts niedergeschrieben und veröffentlicht.“

SCHREIBEN und Bücher verbinden

Schon einiges geschrieben, nämlich bis dato vier Bücher, haben die schreibenden Damen der Initiative „Lungauer Schreibwerkstatt“. Pro Buch wirkten immerhin um die 30 Damen mit, das aktuelle Werk „Winterspuren“ ist 2015 erschienen. Es sind zumeist ihre eigenen Geschichten, anhand deren sie original Lungauer Geschichte erzählen. In der Schreibwerkstatt bedient man sich allen Formen der Literatur, geschrieben wird Gedicht- bis Erzählform, die Ergebnisse sind Biografien bis Fantasiegeschichten. „Es ist Unterhaltungslektüre!“, sagen Gerti Moser und Maria Eisenhut.

Vor über fünfzehn Jahren begann Annemarie Indinger, Schreibinteressierte im Lungau an die Hand zu nehmen. Dank der nun 86-jährigen „Schreiblehrerin“, die alters- und gesundheitsbedingt kürzertreten musste, haben viele das Schreiben zum liebsten Hobby gemacht. Und andere halt nicht. „Schreiben tun viele, aber nicht alle haben lang durchgehalten. Mir ist Schreiben ein Anliegen“, hat mir Annemarie Indinger einmal in einem Gespräch gesagt. Vor zwei Jahren hat Gerti Moser die Leitung der Schreibwerkstatt inklusive der Betreuung der Schreibgruppen quer durch die Lungauer Gemeinden übernommen. „Es ist eine spannende Aufgabe. Das Schöne an der ganzen Sache ist die Beschäftigung mit Alltagsthemen in der Gruppe, in der jeder einen anderen Zugang hat. Ein Thema und sieben Damen – da kommen garantiert sieben verschiedene Geschichten heraus. Durch andere Blickwinkel ist es immer wieder aufs Neue eine Herausforderung. Die Schreibwerkstatt ist generationsübergreifend, eine Auseinandersetzung und auch ein Aufarbeiten. Und manchmal gesellen sich auch Autoren in unsere Mitte“, fügt sie hinzu, dass natürlich auch Männer herzlich in der Schreibwerkstatt willkommen sind.

Gemeinsam mit Maria Eisenhut betreut Gerti Moser auch die Gemeindebücherei Mariapfarr und ihre aktuell gut 250 aktiven Leser. Bücher, aber auch Spiele und DVDs stehen zum Ausleihen in den Regalen, alles in allem sind es gut viertausend Medien. „Die Bücherei Mariapfarr ist, wie in all unseren Lungauer Bibliotheken, ein sozialer Treffpunkt“, sind die ausgebildeten ehrenamtlichen Bibliothekarinnen überzeugt. Die regelmäßigen Lesestunden und Autorenlesungen sollen Leseinteressierte aller Altersklassen ansprechen. Ob leichte Lektüre oder historischer Roman, eines ist Fakt und akzeptiert: Das Lesevergnügen ist vielfältig und individuell, und jeder liest etwas anderes!

KOCHEN, Wandern und Sagenhaftes

All meine Wege zur Literatur haben mir gezeigt: Der Salzburger Süden wurde nicht nur schon von vielen Literatur-Kapazundern besucht. Auch vor Ort sind sie zu finden, die Schriftsteller und Text-Verfasser. An die vordere Stelle dürfen hier die schreib- und vor allem auch recherchefreudigen Chronisten rücken. Diese studierten Aufbereiter unserer Geschichte arbeiten die Vergangenheit wissenschaftlich auf, ihre Wasserträger, so erklärt mir Wolfgang Pfeifenberger, sind die Lungauer selbst: Es ist die Bevölkerung, die die Originaltöne zur Geschichte liefert. Deshalb, so versichert mir der Buchhändler, haben alle Lungauer Chroniken Qualität.

Im Lungau sind viele Schreiber am Werk. Sie sind hier aufgewachsen oder leben hier, ein Bezug zur Region ist immer vorhanden. Man braucht doch nur an den eigenen Bücherkasten denken: Es hat doch ein jeder zumindest ein Lungauer Kochbüchlein und einen Wanderratgeber daheim im Regal, sehr wahrscheinlich ein Sagenbuch. Und vielleicht auch noch den einen oder anderen Fotokalender, plus Fach- oder Sachliteratur zu einer heimischen Tradition. Literarische Vielfalt aus der Region für die Region. Das ist doch wirklich ein starkes „Lesezeichen“!

Winterspuren

Geschichten zu Advent und Weihnachten

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Auto: Lungauer Schreibwerkstatt
Verlag: Wolfgang Pfeifenberger
Preis: € 22,90

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