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Lungau & San Francisco

Das allein sagt doch schon alles: ein kalifornisches Autokennzeichen mit „Lungau“-Aufschrift, ein österreichisches Gasthaus mitten in San Francisco, das „Leopold’s“ heißt, und zwei Brüder namens Albert und Klaus Rainer. Obwohl die Geschwister aus Tamsweg bereits vor über dreißig Jahren in den „Golden State“ der USA ausgewandert sind, ist der Bezug zur Heimat ungebrochen.

Möglicherweise hat Hollywood da tatsächlich etwas übersehen. Wahre Geschichten um den „American way of life“ sind in der Filmfabrik doch immer gefragt! So könnte die Überlegung wohl lauten. Dabei bleibt es aber auch schon, denn es folgt schnell die einzig wahre Erkenntnis: Die Story der Rainer-Buam aus dem Lungau, so werden sie meistens genannt, die in San Francisco ihr berufliches und privates Glück fanden, ist zu echt, zu herzlich und zu richtig, um nur einen Film daraus zu machen.

Was der Lungau den Brüdern mitgegeben hat

Seit den 80er Jahren ist der drittgrößte Bundesstaat der USA, der im Westen an den Pazifischen Ozean grenzt, die Wahlheimat von Albert und Klaus Rainer. Zuerst wurde der ältere der beiden, Albert (59), dort sesshaft. Ein paar Jahre später folgte ihm Klaus (53) dank eines Zufalls nach. Seit ihrer damaligen Entscheidung für ein Leben knapp zehntausend Kilometer (Luftlinie) weit entfernt vom Mur- und Taurachtal sind so einige Jahre ins Land gezogen. Tagtäglich aber der Gedanke an ihre Lungauer Wurzeln, darauf, was sie in ihrer Kindheit und Jugend prägte, und auf die kalifornischen Sunny “Boys“ mit ländlich-alpinem Background, wovon beide viel halten: Ehrlichkeit, Strebsamkeit, Zusammenhalt. „Das sind die Werte, die es Lungauern, die in aller Welt leben, einfacher machen“, sind sie überzeugt.

In San Francisco sind Albert und Klaus erfolgreiche Gastronomen. Das „Palmers“ ist eines der Lokale in ihrem Besitz. Es ist eine typische amerikanische Bar, eine „klassische 50er-Jahre-Taverne, wo die üblichen Drinks serviert werden“, erklären sie. Sieben Tage die Woche ist das „Palmers“ abends sowie am Wochenende zusätzlich „for Brunch“ geöffnet.

Eine ganz andere Kategorie Gastwirtschaft wiederum ist das „Leopold’s“. Es ist ein nach österreichischem Vorbild gehaltenes Wirtshaus, hier feiert die Menge bei Schweinsbraten und Stieglbier. Eine vergleichbare Gaststätte gibt es in ganz San Francisco nicht – weder in der Optik noch angesichts der Speisekarte. Die Bezeichnung der Gäste als „begeisterte Menge“ ist übrigens nicht übertrieben. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass man im Leopold’s stundenlang auf einen Tisch wartet. „Das ist gerade am Wochenende völlig normal“, erklärt Klaus beim Telefongespräch im charmanten Deutsch-Englisch-Mix, „in diesem Fall nehme ich die Telephone Number und sende eine Message, sobald ein Tisch frei ist“. Normal auch, dass sich der wartende Gast mittlerweile anderweitig beschäftigt: beim Shopping oder spontan noch anderswo bei einen Drink.

Erlebnisgastronomie mit Qualität

Wer wartet, der macht das nicht etwa im Foyer der Lokalität. Sondern lieber entlang des Gehsteiges, der stetig entlang des dicht besiedelten Hügels „Russian Hill“ ansteigt. Ein typisches Bild der „Straßen von San Francisco“, wie man sie aus Tourismuswerbung, Kino und Reiseberichten kennt. A line up the hill – das Leopold’s liegt an der Ecke Polk Street / Union Street – ist also keine Seltenheit. Eine lange Warteschlange war zum Beispiel bei der vergangenen Fußball-Weltmeisterschaft regelmäßig der Fall. Mit „House Rules“ erzieht man in dem Fall seine torwütigen Gäste: „Form a line around the building“ und „sit tight and share your tables“ lautet in Ausnahmefällen wie diesen die Ansage an die Kundschaft. Im Ausnahmezustand ist das Leopold’s bei derart besonderen Ereignissen durchaus. Mit Soccer-Worldcup-Menü, 80-Zoll-full-HD-TV waren die Lokalchefs samt Service-Team gerüstet – für die Ladys im Service ist Dirndlkleid die Pflicht, getragen auch in Kombination mit Overknees und gar mit Cowboystiefeln. Am Ende war es dann ein bunter Nationenmix, der seiner Mannschaft im Leopold’s die Daumen drückte. Wenngleich man sich dort im Allgemeinen doch als Deutschland-Fan outete …

Es sind vorwiegend junge Leute, die im Leopold’s ein- und ausgehen. Sie wollen gediegen essen und trinken und bei gegebenem Anlass auch ausgiebig feiern. Es ist wohl das österreichische Flair, das für den Erfolg ausschlaggebend ist. Man setzt auf gute Küche, die lockere Atmosphäre, auf ein freundliches Willkommen und Gastfreundschaft. Das Ambiente im Leopold’s darf man sich in Form von Sitzgelegenheiten, die Biertischen ähneln, Hirschfiguren, Bildern mit alpinen Motiven, Biergläsern österreichischer Brauereien und Accessoires, die an Skihütten erinnern sollen, vorstellen. Im Dirndlkleid und in der Lederhose kommen auch die Gäste hier an. „Sie stellen sich eine Alpine Lodge so vor, und sie können hier viel mehr ausgelassen sein als in herkömmlichen Restaurants in der Stadt“, nennt Albert die Besonderheit des Gastrobetriebes. Und finanzkräftig sind diese jungen Gäste, weil die meisten „bei den Hightech-Companys in Silicon Valley arbeiten“, klärt Klaus auf, „sie sind bei Apple, Google, Facebook und Co. beschäftigt und verdienen dort gutes Geld. Und das Fortgehen hat bei diesen jungen Menschen einen ganz besonderen Stellenwert“.

Von Mama inspiriert

Eine „g’mahte Wies’n“ ist das Gastronomiegeschäft deshalb aber noch lange nicht. Es geht, wie überall anders auch, um die Qualität. „Qualität verkauft sich überall auf der Welt hervorragend“, sagt Klaus. Und das in einer Stadt, in der sich Nationen zwar vereinen, was aber bei weitem nicht heißt, dass hier „die Welt in Ordnung ist“. So schön diese Multikultur und die Jobmöglichkeiten sind, so drastisch die Gegensätze. „Dieses ‚Perfekte von allem’ gibt es halt nirgendwo. Natürlich geht es vielen Menschen hier in San Francisco nicht so gut. Preise für Geschäfte und für Wohnungen zum Beispiel sind sehr hoch“, sagt Klaus. Die Immobilienpreise waren auch der Grund, weshalb die Rainer-Buam ihr erstes Liebkind verkauften: Das „Cafe Metropol“, ein Restaurant, das mitten im Business-Zentrum San Fransiscos liegt. Mit dem Verkauf entledigten sie sich auch des schnellen stressigen Mittagsgeschäfts und des sich ständig ändernden Food-Trends.

Anders nun eben die Ansprüche im Leopold’s. „As children, brothers Albert and Klaus Rainer had their mom’s chicken and dumpling soup every Sunday. At their Russian Hill restaurant ‚Leopold’s’ they recreate the family recipe with tender, herbed dumplings floating in a clear chicken broth with diced vegetables“, publizierte ein renommierter Gastroführer bereits bei der Eröffnung vor gut vier Jahren. Immer wieder ist es die traditionelle Kost und die Gastfreundschaft, das immer freundliche Lächeln der Gastgeber, das die Restaurantexperten überzeugt – mit Mama Eva als tägliche Inspiration. Die Mutter, stolze 87 Jahre alt, lebt nach wie vor im Heimathaus in Tamsweg. „Wir bemühen uns, dass regelmäßig einer von uns bei unserer Mama im Lungau ist. Wir sind froh, dass es ihr soweit so gut geht und sie mit Unterstützung noch daheim wohnen kann“, sagen Albert und Klaus. Es scheint in diesem Moment, als ob San Francisco nicht weiter als etwa Salzburg von Tamsweg entfernt ist. Entfernung hindert nicht daran, wenn man jemanden besuchen will. Dankbar sind die Brüder ihrer Mutter sowieso. „Sie hat uns damals gehen lassen. Das war sicher nicht einfach für sie.“

Mit Freunden daheim immer in Kontakt

Dass „es schon witzig ist, wie im Leben die Sachen so daher kommen“, erwähnt Klaus dann noch am Telefon. So hat er, der bis vor wenigen Jahren als der „lucky Austrian single guy“ galt, seine große Liebe gefunden. Anita ist Asiatin, also ebenfalls eine Migrantin. Ein Umstand, der verbindet. Albert hat mit Ehefrau Gisele sein privates Glück gefunden. Ihnen allen sind Familie und Freunde sehr wichtig. Vor allem auch die „Daheimgebliebenen“. „Wir haben immer darauf Wert gelegt, dass wir unsere Verbindungen zu Familie, Freunden und den Lungau immer pflegten und pflegen. Sind wir daheim, und das ist mindestens zwei Mal im Jahr, sind wir natürlich bei jedem ‚Sauobstechn’ mit dabei“, erzählt Albert, „und schließlich haben wir ja mindestens zwei bis drei Mal im Jahr Besucher aus dem Lungau, das sind Freunde oder Freunde von Freunden. Wir freuen uns immer sehr, da wir auch Lungauer kennenlernen, die wir sonst nie treffen würden!“ In einem Reisebericht, den Albert und Gisele vor über zehn Jahren für ein amerikanisches Magazin schrieben, finden sich so manche  Klassiker aus der Region wieder: Skifahren und Glühwein, Burgen und Bauernhöfe, Volksmusik und –gesang, Trachten und die Jagd … Und sogar an die Türen des Thomataler Pfarrers, Valentin Pfeifenberger († 2004), haben sie damals geklopft. Albert war als Kind sein Ministrant. „Die Tür schwang auf, und er rief, wie im Gebet mit zum Himmel gestreckten Armen: ‚Viva America!’“, schreiben die Rainers. Typisch für Pfarrer Voitl eben, dann ging es gemeinsam auf ein Bier ins Gasthaus.

…Und noch einmal während des Telefonates treffen die Lungauer und die kalifornische Welt aufeinander. In dem Moment, wenn Klaus, dem die ganzjährig sommerlichen Temperaturen im sonnigen Kalifornien zugegeben doch lieber sind als das alpine Klima, aus dem Fenster seines Penthouses blickt. Nicht das geliebte Lungauer Bergpanorama, sondern die Golden Gate Bridge ist in seinem Blickfeld. Und immerhin lautet das Kennzeichen seines Porsches auch nach all den Jahren noch: „Lungau“ – die Heimat immer mit dabei. „Dahoam ist dahoam, und es ist nid entscheidend, dass i mit 16 Jåhr schoa ausm Lungau wegkemmen bin“, überrascht Klaus abschließend mit Dialekt á lá südlichstes Salzburger Innergebirg. Und Gänsehaut dank der einwandfreien „Leitung“ aus Übersee schließlich noch, als er mit größter Überzeugung sagt: „Du kånnst den Buam aus dem Lungau aussanehma. Åber du kost nid in Lungau ausn Bua aussanehma!“ Dieses „Weil-i-då-Herkomm’“ ist zweifellos eine Einstellung, die dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten sehr gut tut.

Andrea Kocher

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