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Migräne Raus aus meinem Kopf!

Es hämmert, pocht, drückt, sticht – und oft ist es einfach nicht auszuhalten! In der Medizin werden mehr als 150 Kopfschmerzarten unterschieden. Die Migräne gehört zu den häufigsten.

Ein Gefühl, als zerspringe der Schädelknochen in tausend Teile. Wer das erlebt, kann nur noch hilflos im dunklen Zimmer liegen, jede Bewegung, jeder Augenaufschlag verursacht Höllenschmerzen. Und da ist nur der eine Wunsch: Es soll um Gottes willen aufhören …

Kopfschmerzen sind eine Volkskrankheit. Alles in allem werden in der Medizin mehr als 150 Kopfschmerzarten unterschieden. Wie epidemiologische Untersuchungen ergeben haben, leiden etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung unter Migräne. Im europäischen Durchschnitt liegt Österreich damit im unteren Mittelfeld. Genau wie in anderen Ländern auch, sind Frauen (elf bis 25 Prozent) doppelt so oft betroffen wie Männer (vier bis acht Prozent).

Charakteristisch für die Migräne sind anfallsartige Kopfschmerzen, die in unregelmäßigen Abständen wiederkehren. Im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz, bei dem die Schmerzen als dumpf beschrieben werden und meist beidseitig auftreten, sind die Schmerzen bei Migräne oft halbseitig begrenzt und pulsierend. Zusätzlich treten Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Geräusch- oder Geruchsempfindlichkeit auf.

Eine Krankheit, viele Ursachen

Böse Geister, göttliche Visionen oder ein Übermaß schlechter Verdauungssäfte: Unsere Vorfahren waren erfindungsreich bei der Suche nach Erklärungen für die Schmerzanfälle.

Die Menschen in der Steinzeit glaubten, dass im Kopf eingeschlossene Dämonen und böse Geister chronische Kopfschmerzen verursachen. Um sie zu vertreiben, schabte man ein Loch in die Schädeldecke. Im Mittelalter versprachen sich die Menschen Linderung durch einen reinigenden Aderlass. Nach der damaligen Vorstellung stiegen die Dämpfe der schwarzen Galle aus dem Körper in das Gehirn und vergifteten das Blut. Im 17. und 18. Jahrhundert dagegen sollten im Kopf herumkrabbelnde Insekten die Schmerzauslöser sein. In späteren Jahren konzentrierten sich die Menschen auf äußere Ursachen. So musste beispielsweise der Mond herhalten oder das Wetter. Letzteres gilt tatsächlich auch heute noch als möglicher Auslöser für Kopfschmerzen.

Gegenwärtig hat die Forschung wenigstens ein ziemlich genaues Bild davon, was im Gehirn eines Menschen mit Migräne schiefläuft: In bestimmten Situationen überflutet es sich selbst mit Nervenbotenstoffen. Um die wieder loszuwerden, startet das Gehirn eine Entzündungsreaktion. Die entzündeten Adern werden immer schmerzempfindlicher, bis selbst der Pulsschlag wie ein Hammer gegen die Gefäßwände zu donnern scheint. So entsteht der typische pulsierende Schmerzcharakter der Migräne.

Gewitter im Kopf

Migräne-Attacken können Menschen an den Rand des Wahnsinns treiben. Wirklich nachvollziehen kann die Schmerzen vermutlich nur jemand, der selbst unter Migräne leidet. Die Attacken können Stunden, manchmal auch Tage andauern.

Etwa 15 Prozent der Betroffenen erleben schon bevor der Schmerz einsetzt eine sogenannte Aura. Meist sehen sie flimmernde Flecken oder Lichtblitze, seltener kommt es zu Lähmungen, Sprachstörungen oder Halluzinationen. Grund für diese Fehlwahrnehmungen ist eine Erregungswelle, die zu Beginn des Anfalls über die Nerven der Hirnoberfläche wandert.

Akuter Stress gilt als ein Auslöser von Migräne, doch nicht nur dieser kann zu den Attacken führen. Oft bahnen sich auch dann Anfälle an, wenn die Anspannung nachlässt, zum Beispiel nach einer arbeitsreichen Woche. Auch veränderte Schlaf- oder Essgewohnheiten, Zeitverschiebungen oder Witterungseinflüsse sind Faktoren, auf die Migränekranke reagieren. Außerdem können bestimmte Nahrungsmittel eine Attacke mit auslösen. Einige Betroffene vertragen zum Beispiel keinen Käse oder keine Schokolade. Andere reagieren auf Geschmacksverstärker wie Glutamat. Auch Kaffee, Tee, Alkohol oder Cola können einen Migräneanfall begünstigen. Ferner können Ängste, Ärger oder Depressionen Attacken auslösen, ebenso wie einige Medikamente, dazu gehören Bluthochdruckmittel und Herzpräparate.

Schmerzen verändern

Der Präsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Neurologe Arne May fand erstmals heraus, dass chronische Spannungskopfschmerzen und Migräne zu Gehirnveränderungen führen. Leidet ein Mensch länger als drei Jahre unter diesen Kopfschmerzarten, verringert sich in der Region, die für Schmerzverarbeitung und -modulation zuständig ist, die „graue Hirnsubstanz“. Noch wissen Forscher nicht, welche Mechanismen diese Verkleinerung bewirken – ob Gehirnzellen oder ihre Verbindungen degenerieren, ob Blutfluss oder Botenstoffe eine Rolle spielen.

Was nützen diese Erkenntnisse? Neurologen deuten Mays Ergebnisse als Erklärung dafür, dass chronische Kopfschmerzen nur noch schwer therapierbar sind. Deshalb ist es wichtig, so früh wie möglich die optimale Behandlung zu beginnen. Genau das jedoch versuchen die wenigsten Patienten. Nur 25 Prozent aller Menschen, die unter Migräne leiden, erhalten die nach aktuellem Forschungsstand besten Medikamente. Lediglich 14 Prozent lindern ihr Leiden mit den effektiven Triptanen. Stattdessen setzen viele auf absurde wie wirkungslose Methoden.

Immer mit der Ruhe

Zur Vorbeugung von Migräneattacken hat sich die Einnahme von Betablockern bewährt; Medikamente, die bei Herz- und Kreislauferkrankungen eingesetzt werden, sowie auch Antiepileptika und Antidepressiva. Medikamente allein genügen nicht, um Kopfschmerzen dauerhaft zu bekämpfen und ihnen vorzubeugen. Mindestens genauso wichtig sind Strategien im Alltag. Alternativ oder ergänzend zur medikamentösen Therapie raten Neurologen auch zur Akupunktur, zum Erlernen von Entspannungstechniken und zu Ausdauersport.

Die optimale Therapie bei Kopfschmerzen ist wie ein Puzzle: Sie setzt sich aus vielen einzelnen Verfahren zusammen. Der Patient muss auf Medikamente individuell eingestellt werden, ähnlich der Insulinbehandlung bei Diabetespatienten. Neurologen oder Schmerz-
therapeuten helfen, die geeigneten Medikamente und Methoden zu finden. Um Migräneattacken vorzubeugen, ist außerdem ein geregelter Lebensablauf wichtig. Wichtig ist aber auch, dass Migränepatienten im Alltag aktiv und optimistisch gegen ihr Leiden vorgehen.

Maria Riedler

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