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Tradition trifft Trend

Ein bedeutendes Stück Volkskulturgeschichte und so manche Überraschung – das ist der Inhalt, der in der „Lungauer Trachtengwandl-Schatzkiste“ steckt. Der überraschendste Fund darin ist ein lange im Verborgenen ruhendes, vergessenes Stück. Etwas, das die Trachtenfrau neuerdings aber wieder besonders gerne „darunter“ trägt: Das „Unterröckl“, es wurde regelrecht Trend! Diese Schätzesammlung regionaler Trachten ist kostbar und über Jahrhunderte überliefert, jedoch nicht unbedingt konservativ. Die Gewänder lassen heutzutage durchaus moderne Einflüsse zu. Wohlgemerkt aber nur, solange die ungeschriebene Regel der Wahrung der Tradition eingehalten wird.

Gar nicht verstaubt. Es ist ausgerechnet das Steppmieder, eine der „Majestäten“ unter den Lungauer Trachtengewändern also, nach der die Damen aktuell wieder besonders gerne greifen. Verantwortlich dafür ist das „Unterröckl“. Das ist kein „Kittel“, sprich: kein Unterrock, sondern eine Art Bluse. Das „Unterröckl“ ist am Oberarm in Falten gearbeitet, eine Handbreit oberhalb des Ellbogens springt der Ärmel auf und schließt mit Rüschen oder schlicht mit Bändchen ab. „Es ist wirklich etwas Uralt-Überliefertes, etwas sehr Spezielles“, betont Bezirkstrachten-Referentin Katharina Schröcker. Einst nur unverheirateten Frauen erlaubt, ist es keine neue Erfindung, die Ursprünge reichen bis 1840 zurück. Da nun aus der Schatzkiste herausgekramt, bekommen auch der Lungauer Trachtenhut und der Stockhut – bekannt als die Kopfbedeckung zur schwarzen Festtracht – zusätzliche Bedeutung. Denn sie werden immerhin nur dann getragen, wenn das Steppmieder eben mit einem solchen „Unterröckl“ gemeinsam auftritt. Und also nicht mit der weißen Bluse, wie es sonst üblich ist.

Offen für Modernes

Für Designexperimente sind diese traditionellen Lungauer Festtrachten demnach die völlig falsche Wahl. Es gibt sie aber, die regionalen Modelle, die durchaus kreative Ansätze zulassen. Das Leinensteppmieder und der Tamsweger Leiblkittl gehören dazu. Hier sind etwa „aktuelle“ Farben völlig in Ordnung. Trachtenkennerin Schröcker, gelernte Schneiderin, die sich berufsbedingt und interessehalber seit vielen Jahren mit der Thematik befasst, erklärt dazu: „Die Leute hatten früher aufgrund der eingeschränkten Stoffauswahl viel weniger Möglichkeiten. Heute ist das Angebot aber sehr groß. Es wäre doch schade, wenn man es nicht nutzen würde.“ Doch, es ist trotzdem immer Vorsicht geboten. Immer bestimmt die Tradition die Verträglichkeit von „althergebracht“ mit „modern“.

Wo ist also die Grenze des guten Geschmacks?

„Man muss halt mit dem gewissen Gefühl und mit Stil an die Sache herangehen“, sagt Katharina Schröcker und mahnt: „Kein Kitsch! Das Ursprüngliche darf nie zugrunde gehen!“ Stilbrüche und peinliche Pannen seien vermieden, indem man sich an manche Maßgabe hält. So lässt die Vielfalt der Stoffe farblich wie in der Materialwahl gewisse Spielräume offen. Erwünscht ist aber durch und durch Natürlichkeit: Wie zum Beispiel Wolle und Seide für die Festtrachten oder Bauernleinen, Handwebe und Knöpfe aus Naturmaterialien (Holz, Hirschhorn, Perlmutt) für das Biosphärendirndl. Sehr gern gesehen sind überliefertes Handwerk und traditionelle Techniken. Wenn etwa uralte Handdruck-Modele verwendet werden, darf der Stoff allemal modernen Charakter haben.

Eine klare Absage erteilt die Tradition hingegen typisch modischen Accessoires. Unüberlegte Schmuckvariationen oder übertriebene Sonnenbrillen gelten als klassische Trachtentraditions-Killer. Wiederum ist Ideenreichtum gefragt: „’Manggeizähne’, schlicht und modern gefasst, werden als Schmuck-Accessoire nicht unpassend wirken“, nennt Schröcker ein Beispiel. Ablehnung auch für High-Heels in allen Variationen. Denn Schuhe, Handtaschen, (Haar-)Schmuck und Tücher sollten dem „echten Lungauer Gwand“ schon angepasst sein.

Heile Trachtenwelt

Ein gutes Beispiel für die Verträglichkeit von Altem mit Neuem scheint das Biosphärengewand zu sein. Katharina Schröcker hat es letztes Jahr anlässlich der Auszeichnung des Lungaus zur Biosphärenregion Salzburg-Kärnten kreiiert. Die Tracht für den Mann ist gefertigt auf Grundlage des Lungauer Loden- beziehungsweise Festtagsgewandes, das dem Anzug der benachbarten Region Gmünd/Liesertal/Maltatal sehr ähnlich ist. Alternativ zum schweren, dicken, warmen Loden wurde für das Biosphärengewand feineres Tuch, oder auch Leinen, gewählt. Getragen wird die Joppe in Kombination mit kurzer, langer oder Kniebund-Lederhose.

Lungauer und Kärntner Elemente auch für das „Biosphärendirndl“ mit zwei Varianten beim Rücken. Und mit markanter Patte – ein weiteres Detail aus dieser Schatzkiste, das nun wieder besonders gerne Verwendung findet. Darauf angebracht, eine Relief-Stepperei – die Wahl des Motives wird der Dirndlträgerin freigestellt. Aber sie kann auch auf ein Motiv aus der Lederhose des Partners zurückgreifen.

Maßgeschneidert, zeitgemäß und trendresistent

Ob Fest- oder Sommertracht, Jahrgwandl oder Bauerntracht, Leinenstepp- oder Schnürmieder, Joppe oder „Schalk“ – von der Stange oder gar in allen möglichen Konfektionsgrößen und Farben gibt es die Lungauer Gewänder freilich nicht. Der beste Weg zur Wunschtracht führt also über die auf Tracht spezialisierten Schneidermeisterinnen im Lungau. Individuelle Maßanfertigungen sind üblich. Das Ergebnis wird eine ganz persönliche Tracht sein. Eine gute Investition, denn auch in punkto Zeitlosigkeit und Aktualität verhält es sich im Grunde so wie vor hundert Jahren, die Bezirkstrachten-Referentin bringt es auf den Punkt:

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