Wirkt Sport gegen Depressionen?

„Raff dich doch auf! Mach Sport! Bewegung wird dir gut tun.“ Tipps, wie diese, bekommen depressive Personen häufig zu hören. Doch, was ist dran an diesen Ratschlägen?
 Ein Artikel von Maria Riedler

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Ist Sport ein angemessenes und wirksames Mittel gegen Depressionen? Die aktuelle wissenschaftliche Beweislage zu dieser Frage untersuchten die Expertinnen und Experten von medizin-transparent (*). Das Ergebnis: Bisherige Studien deuten darauf hin, dass Sport tatsächlich die Beschwerden von depressiven Menschen etwas lindern kann. Allerdings darf man von gezielter, regelmäßiger Bewegung keine Wunder erwarten. Sport kann anerkannte Therapieformen – Psychotherapien und Antidepressiva – nicht ersetzen. Bei Patienten, die ansonsten keine medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlung erhalten, kann nur ein mäßiger positiver Effekt nachgewiesen werden.

So wirkt Bewegung

Ärzte empfehlen zwar ihren depressiven Patientinnen und Patienten gerne sportliche Aktivitäten. Jedoch sind spezielle Bewegungsangebote laut medizin-transparent kein fixer Bestandteil der Depressionstherapie. Wenn Betroffene mit Sport beginnen möchten, um selbst etwas gegen die depressiven Beschwerden zu unternehmen, sollten sie sich jedenfalls mit ihrem Arzt absprechen und klären, welche Bewegung für sie persönlich geeignet ist und welche Erwartungen realistisch sind.

Offene Forschungsfragen

Möglicherweise sind Krafttraining und gemischte Bewegungsformen besser geeignet als reines Ausdauertraining. Doch hier sind weitere Untersuchungen notwendig. Sie sollen helfen, die Zusammenhänge zwischen körperlicher Aktivität und depressiven Beschwerden genau zu verstehen. Offen ist also, welchen Nutzen verschiedene Sport- und Bewegungsangebote, wie etwa Krafttraining, Ausdauertraining oder Mischformen, haben. Auch ist nicht klar, bei welchen Formen und Schweregraden der Depression Bewegung angebracht sein kann – und bei welchen nicht. So ist es Menschen mit einer schweren Depression oft gar nicht möglich, die Energie aufzubringen, Bewegung zu betreiben. Eine derartige Empfehlung könnte sie noch zusätzlich belasten.

In der Tat gibt es Modelle, die zumindest in der Theorie dafür sprechen, dass körperliches Training Depressions-Beschwerden positiv beeinflussen kann: Schließlich bringt das Erreichen von sportlichen Zielen Erfolgserlebnisse und führt zu einer Stärkung des Selbstwerts.

So wirkt Bewegung

Für einen positiven Einfluss von Bewegung auf Depressions-Beschwerden sprechen folgende Punkte:

• Bewegung und Sport kann die Stimmung heben, den Antrieb steigern und Depressions-Symptome lindern.
• Bewegung lenkt von negativen Gedanken und Grübeleien ab.
• Das Erreichen sportlicher Ziele bringt Erfolgserlebnisse und stärkt das Selbstwertgefühl.
• Sport in der Gruppe schafft sozialen Rückhalt.

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Darüber hinaus lenkt Bewegung von quälenden Grübeleien sowie Schuldgefühlen ab, und Sporteln in der Gruppe schafft sozialen Rückhalt. Auch physiologische Prozesse wie die Ausschüttung von Endorphinen könnten die Depressions-Symptome abschwächen.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass Ärzte ihren depressiven Patienten gerne sportliche Aktivitäten empfehlen. Spezielle Bewegungsangebote sind allerdings kein fixer Baustein der Depressionstherapie. Viel stärker kommen psychotherapeutische Behandlungen und Medikamente zum Einsatz. Zu diesen gängigen und wirksamen Therapien wünschen sich allerdings viele Patienten Alternativen, etwa weil sie selbst aktiv zu Wohlbefinden und Genesung beitragen möchten.

Was tun in der Zwischenzeit?

Viele Details zu möglichen Nutzen und Risiken von Sport bei Depressionen sind also noch offen. Daher sollten sich depressive Patienten mit ihren Ärzten und Psychotherapeuten absprechen. Das Ziel: Eine individuelle Abklärung, ob und welche Sportarten sich eignen – und welche Erwartungen realistisch sind.

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Es wäre durchaus wünschenswert, mit Hilfe von Sportangeboten weitere wirksame Therapiebausteine zu entwickeln. Immerhin erkrankt etwa jeder Fünfte im Laufe seines Lebens an einer Depression; oft kommt es zu Rückfällen. Zu den typischen Anzeichen zählen Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und innere Unruhe.

Obwohl Depressionen viel Leid verursachen und bis in den Selbstmord führen können, bekommen viele Betroffene keine Behandlung. Einer der Gründe: Noch immer sind depressive Erkrankungen – auch wenn sie so häufig auftreten – tabuisiert, was es Betroffenen schwer macht, professionellen Rat und Hilfe einzuholen.

*„medizin-transparent.at“ bewertet die Wirksamkeit von medizinischen Behandlungen oder Interventionen anhand der wissenschaftlichen Beweislage (Evidenz nachgewiesener Zusammenhang/nachgewiesene Wirksamkeit). Das Angebot unterstützt dabei, informierte Gesundheitsentscheidungen zu treffen. Die Web-Seite ist ein Service des Departments für evidenzbasierte Medizin und klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems.

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